Ursula Le Guin – The Earthsea Quartet (1968-1990)

Es gibt Bücher, für die man mehrere Anläufe benötigt und die nicht sofort zünden. Als mir ein Bekannter vor Jahren Ursula Le Guins Earthsea-Reihe ans Herz gelegt hat, habe ich seiner Empfehlung vertraut, hauptsächlich, weil mir derselbe Mann unter anderem Guy Gavriel Kay empfohlen hatte, ein Autor, den ich geradezu verehre. Also war es für mich logisch, dass ich mir gleich die gesamte Earthsea-Reihe zulege, die praktischerweise in einem Sammelband vorliegt, der die ersten vier Bände – mittlerweile sind weitere erschienen – vereint.

Der erste Lektüreversuch scheiterte grandios. Zwar habe ich damals den ersten Band, A Wizard of Earthsea, beendet, aber nur mit Müh’ und Not und mit wenig Begeisterung. Ich konnte mit Le Guins Erzählstil wenig anfangen, mit den Figuren noch weniger, und in Summe fand ich das Buch damals einfach langweilig. Ich habe dann zwar noch mit Band 2, The Tombs of Atuan, begonnen, diesen aber nach ein oder zwei Kapiteln abgebrochen und den Sammelband ins Regal zurückgestellt, wo er über die Jahre etwas Staub angesetzt hat, die Seiten vergilbten, und immer, wenn ich das Regal umsortiert habe, habe ich mich gefragt, ob ich das Buch jemals lesen würde bzw. mit dem Gedanken gespielt, es auszusortieren. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. Le Guins vierbändige Fantasy-Reihe ist ein gutes Beispiel dafür, dass es für jedes Buch die richtige Zeit und die richtige Stimmung gibt bzw. dass es eben eine Weile dauert, bis ein Buch zündet.

Der Sammelband enthält die vier Romane A Wizard of Earthsea, The Tombs of Atuan, The Farthest Shore und Tehanu. Im ersten Band steht Ged im Mittelpunkt, ein hochbegabter junger Mann mit enormem magischem Potenzial. Durch Hybris verleitet, lässt sich Ged dazu überreden, eine Totenbeschwörung durchzuführen, die ihn fast das Leben kostet und die einen unförmigen Schatten in die Welt von Earthsea entlässt. Dieser Schatten verfolgt Ged und will ihm ans Leder; jede Begegnung mit ihm lässt Ged völlig entmutigt zurück, bis er erkennt, dass er nicht der Gejagte sein muss, sondern der Jäger und dass der Schatten ein Teil seiner selbst ist. Dabei spielt die Benennung des Schatten eine wichtige Rolle, wie überhaupt Namen ein zentraler Bestandteil dieser Welt sind. Den wahren Namen einer Person, eines Dings oder eines Tieres zu kennen, verleiht enorme Macht. So kann Ged beispielsweise einen Drachen bei seinem wahren Namen schwören lassen, den Bewohnern einer nahe gelegenen Insel nichts zuleide zu tun; durch die Macht des Namens ist der Drache an diesen Schwur gebunden. Auch dem Schatten kann Ged beikommen, indem er seinen wahren Namen entdeckt und diesen laut ausspricht. Dabei spielt hier der alte Dualismus von Gut und Böse eine gewichtige Rolle, ebenso die vielfältigen Schichten der eigenen Persönlichkeit, die in der Regel gute wie böse Eigenschaften in sich vereint.

Wie bedeutsam ein Name und die damit verbundene Rolle ist, zeigt Le Guin im zweiten Band, The Tombs of Atuan. Sie wechselt dabei die Hauptfigur und stellt eine junge Priesterin in den Mittelpunkt, die als Reinkarnation der ersten Hohepriesterin gilt. Ihr obliegt es, über das Labyrinth unter den Gräbern von Atuan zu wachen. Nur sie darf das Labyrinth betreten, nur sie kennt alle Wege. Der Gegensatz zu den Magiern, die sich ausschließlich aus Männern rekrutieren, könnte krasser nicht sein: Die Priesterinnen von Atuan sind von blindem Gehorsam erfüllt. Sie können grausam sein, sie halten sich strikt an uralte Regeln, ohne diese zu hinterfragen. Auch Tenar – dieser Name wird ihr bei der Initiierung genommen – verfällt in dieses Muster und gibt das Paradebeispiel einer religiösen Eiferin ab, allerdings mit der Einschränkung, dass sie im Unterschied zu anderen Hohepriesterinnen mit der Zeit ein Gewissen entwickelt und auch beginnt, Dinge zu hinterfragen. Dennoch steht lange Zeit ihre dunkle Seite im Mittelpunkt der Erzählung, aber auch ihr innerer Konflikt, als sie entdeckt, dass ein Mann das Labyrinth betreten hat, um den Ring von Erreth-Akbe zurückzuholen. Dieser Mann ist niemand anders als Ged, wobei ihm in dieser Erzählung lediglich eine Nebenrolle zukommt – allerdings eine gewichtige. Denn er ist es, der Tenar ihren Namen und damit ihre Identität zurückgibt. Er ist es, der sie von ihren Fesseln befreit.

Auch im dritten Band, The Farthest Shore, begegnet uns Ged wieder. Mittlerweile hat er es zum Erzmagier gebracht und herrscht über Roke, die Insel der Magier, wo Nachwuchsmagier ausgebildet werden. Als eines Tages der junge Arren mit Berichten über schwindende Magie auf Roke auftaucht, steht fest: Ged wird sich noch einmal auf die Reise begeben, um die Ursache für das Verschwinden der Magie zu entdecken. Wie schon zuvor spielt er allerdings nur eine Nebenrolle; der Fokus liegt auf Arren, der sich als Erbe eines alten Königshauses entpuppt und für den die Reise auch so etwas wie eine Coming of Age-Erfahrung darstellt. Das Ende des Bandes zeigt an sich ganz klar, dass Le Guin an diesem Punkt mit Earthsea abgeschlossen hatte und dass die Reihe ursprünglich als Trilogie konzipiert war. Dadurch, dass sie in ihrer Eigenschaft als Erzählerin immer wieder Bezug auf die fiktiven “Taten Geds” nimmt, verleiht sie den drei Bänden den Charakter einer alten Legende. Das schlägt sich auch stilistisch nieder: Le Guin hält sich nicht mit ausufernden Beschreibungen auf, sondern erzählt nüchtern die Geschichten ihrer Figuren – ganz so, wie sich alte Legenden oder Heldenepen lesen, nur ohne Pathos und mit einem starken Fokus auf der psychologischen Entwicklung der Charaktere. Das ist für High Fantasy durchaus ungewöhnlich und war für mich anfangs auch sehr gewöhnungsbedürftig, da sich die Trilogie durch diesen Stil bisweilen etwas nüchtern liest.

Der Sammelband enthält schließlich noch Tehanu, den vierten Band, der erst Jahre später entstanden ist. Zwar schließt Tehanu unmittelbar an das Ende von The Farthest Shore an, und wieder kreist die Handlung um bereits bekannte Figuren; wieder stellt Le Guin die weibliche Perspektive in den Mittelpunkt und zeigt uns, wie es Tenar in der Zwischenzeit ergangen ist. Neu ist der übertrieben feministische Gesichtspunkt, der so gar nicht zum Rest der Reihe passen will. Tenar bemerkt mehr als einmal, dass es die Pflicht der Frau ist, das Haus in Ordnung zu halten und den Haushalt zu führen, dass Frauen aber auch eine gewisse Macht haben und dass Männer eigentlich genauso im Haushalt helfen könnten. Das fand ich einerseits aufdringlich, andererseits gerade für eine ehemalige Priesterin, die weiß, was Macht bedeutet, extrem unpassend. Überhaupt war ich mit Tehanu nicht wirklich glücklich. Die Geschichte kreist hauptsächlich um Tenar und Ged, die mit den Mühen des Alltags zurechtkommen müssen, nachdem beide ihre Macht verloren haben. Gleichzeitig werden Andeutungen gemacht, dass eine Frau aus Gont – Geds Heimatinsel – die Magier von Roke retten werde und dass das geschändete, fast getötete Mädchen in Tenars Obhut eine enge Verbindung zu den Drachen hat. Leider verzichtet Le Guin darauf, diese beiden Handlungsstränge weiter zu verfolgen. Sie belässt es bei Andeutungen, führt am Ende die Stränge hastig zusammen und konzentriert sich stattdessen auf Tenar und Ged. Der Bogen, den sie über einen weiteren Magier zum Vorgängerband schlägt, wirkt extrem bemüht und konstruiert, wie überhaupt der ganze Band nicht so recht zu den Vorgängern passen will.

In Summe ist die Earthsea-Reihe für Fantasy-Fans sicherlich lesenswert. Allerdings sollte man wissen, worauf man sich einlässt und auf gar keinen Fall dem oft bemühten Vergleich mit J.R.R. Tolkien Gehör schenken. Mit Tolkiens Detailreichtum kann Le Guin nicht mithalten; ihr Schreibstil ist ein völlig anderer, sie deutet viele Dinge nur an, lässt ihre Leser beispielsweise in Sachen Magie fast völlig im Dunklen und beschränkt sich auf die Rolle der Chronistin. Das muss man mögen. Hat man aber erst einmal hineingefunden und macht sich die Mühe, die Lücken mit Hilfe der eigenen Phantasie zu ergänzen bzw. mitzudenken, dann ist die Lektüre durchaus ein Genuss.

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John Steinbeck – Of Mice and Men (1937)

Müsste ich John Steinbecks Of Mice and Men mit einem Wort beschreiben, dann wäre dieses Wort “langweilig”. Ja, das Buch ist ein Klassiker, und ja, ich hab kapiert, was Steinbeck damit wollte. Das ändert nichts daran, dass es sich aus meiner Sicht um eines der ödesten Bücher aller Zeiten handelt. Dabei wären Story und Setting durchaus interessant, und sprachlich kann man Steinbeck eigentlich nichts vorwerfen. An den Slang gewöhnt man sich relativ schnell, ebenso an die merkwürdig distanzierte und trockene Erzählweise Steinbecks, der sich so gar nicht um das Innenleben seiner Figuren schert. Ich vermute, dass dieser letzte Punkt einer der Gründe war, warum ich das Buch als fürchterlich langweilig empfunden habe. Die Figuren bleiben blass, flach, nicht greifbar. Aber schauen wir uns das mal genauer an.

Die Hauptprotagonisten des mit gerade einmal 106 Seiten sehr dünnen Romans sind George und Lennie, wobei letzterer das Pech hatte, mit intellektuellen Defiziten geboren worden zu sein. Lennie, so wird immer wieder betont, sei in seinem Verhalten wie ein Kind, das nichts Böses wolle, aber unabsichtlich immer wieder in Schwierigkeiten gerate. Zu Beginn ist das eine tote Maus in Lennies Manteltasche. Diese tote Maus ist insofern wichtig, als sie einerseits auf Lennies körperliche Stärke und sein Bedürfnis verweist, alles, was flauschig oder weich ist, streicheln zu müssen. Andererseits weist die Maus auch auf das Ende sowie darauf, was mit denen passiert, die zu den sozial Schwachen gehört.

George und Lennie sind auf dem Weg zu einer Farm, um dort zu arbeiten. Sie haben kein festes Zuhause, sie gehören nirgendwo hin und stehen auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Ihr größter Traum: ein Stück Land und ein eigenes kleines Haus – ein Traum, den Lennie sich von George wieder und immer wieder erzählen lässt, wobei er vor allem darauf Wert legt, dass er sich, wenn es denn einmal so weit ist, um die Hasen kümmern darf. Das Thema dieser Heimatlosigkeit zieht sich ebenso durch das Buch wie Lennies Kindlichkeit und seine enorme körperliche Stärke. Auch die Beziehung zwischen George und Lennie steht im Zentrum, wobei ich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen konnte, wo hier bitte die große, tiefe Freundschaft sein soll. Gleich zu Beginn darf sich Lennie, der sich eh nicht wirklich wehren kann (zumindest nicht verbal), von George anhören, dass selbiger ohne Lennie viel besser dran wäre und Lennie nur ein Klotz am Bein ist. Diese unterschwellige Unzufriedenheit auf Seiten von George zieht sich ebenfalls durch das Buch; ich habe ihm nie so recht abgekauft, dass er Lennie wirklich gern hat. Das lag aber auch daran, dass sich Steinbeck nicht die Mühe gemacht hat, das Innenleben seiner Figuren nachvollziehbar darzustellen – oder es überhaupt darzustellen. Das Resultat: Ich konnte mit keiner der Figuren auch nur ansatzweise etwas anfangen, habe sie als Schablonen empfunden, die nur dazu dienen, eine Geschichte von sozialer Ungerechtigkeit zu erzählen.

Dadurch, dass immer wieder betont wird, wie oft Lennie in Schwierigkeiten gerät, kann man sich denken, dass es auf der Farm nicht so einfach für George und Lennie werden wird. Obendrein ist da dieses Weibsbild, das nur “Curley’s wife” genannt wird – einen Namen hat die arme Frau nicht bekommen. War wohl zu viel Aufwand. Sie erfüllt ebenfalls eine Funktion: Von ihr glauben alle Männer auf der Farm, dass sie nur Ärger mit sich bringt. Dabei  ist der jungen Frau nur langweilig; sie kann ihren Ehemann nicht leiden und will nur mit den Männern reden. Was mich an der Darstellung dieser namenlosen Frau wirklich geärgert hat, war, dass dauernd betont wurde, wie stark sie geschminkt ist und dass sie eh nur Ärger machen würde. Als es letztlich zur Katastrophe kommt, gibt einer der Männer allen Ernstes der Frau die Schuld. Nun ist der Roman Ende der 1930er Jahre entstanden und muss sicher im zeitlichen Kontext gesehen werden. Trotzdem muss mir das nicht gefallen. Ich fand es genau genommen widerwärtig und ärgerlich.

Ebenso widerwärtig fand ich jene Szene, in der einer der Farmarbeiter einen anderen davon überzeugt, dass sein alter Hund zu nichts mehr zu gebrauchen ist und am besten erschossen werden sollte. Das war auch die einzige Szene, die mich wirklich berührt hat, wobei mir vor allem der Hund leid getan hat. Dass Steinbeck die Szene bewusst so gestaltet hat und sie ebenfalls ein Hinweis auf das Ende ist bzw. das Ende diese Szene mehr oder weniger spiegelt, wird einem erst kurz vor Schluss klar. Auch der Titel ist natürlich mit Bedacht gewählt. Die “Mäuse”, das sind die sozial schlecht Gestellten, die immer unter die Räder geraten und die von den Menschen, die es besser erwischt haben, immer mit Verachtung behandelt werden. Dabei gibt es perverserweise noch eine Hackordnung innerhalb der “Mäuse”: Ein dunkelhäutiger Arbeiter darf nicht im selben Gebäude wie die Weißen schlafen, und die namenlose Frau wird von allen Arbeitern von oben herab behandelt.

Nun klingt das eigentlich alles nach einem großartigen, vielschichtigen Buch, nicht? Vermutlich ist es das auch, und vermutlich hätte ich es auch großartig gefunden, wenn es nicht so gnadenlos langweilig wäre, wenn die Charaktere nicht so unfassbar platt und schablonenhaft, so ganz ohne Innenleben geblieben wären und wenn die Botschaft einen nicht schon ab der ersten Seite anspringen würde. Ein Klassiker? Sicher. Aber keiner, den man unbedingt lesen muss.

 

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Kazuo Ishiguro – The Buried Giant (2015)

Die Römer haben Britannien verlassen, König Arthur ist gestorben, und das ganze Land ist von einem seltsamen Nebel des Vergessens überzogen, der die Menschen dazu zwingt, permanent in der Gegenwart zu leben: Das ist das Setting des 2015 erschienen aktuellsten Romans von Kazuo Ishiguro, unter anderem bekannt für die Romanvorlage zum gleichnamigen Film The Remains of the Day. In seinem neuesten Werk schickt Ishiguro das alternde Ehepaar Axl und Beatrice auf eine abenteuerliche und gleichzeitig nachdenklich machende Reise durch das post-arthurische Britannien, wobei er Fantasy-Elemente bzw. Aspekte der Artus-Sage geschickt als Vehikel einsetzt, um seine Themen zu transportieren.

Axl und Beatrice leben in einem kleinen Dorf, in dem sie aber nicht sonderlich willkommen sind. Nicht einmal eine Kerze wird ihnen zugestanden, um die dunkle Kammer nachts zu erhellen – eine schöne Metapher auf die dunkle Vergangenheit, der sich die beiden und ihre Reisegefährten, die sie im Verlauf der Handlung treffen, stellen müssen. Axl und Beatrice können sich nicht mehr an die unmittelbare Vergangenheit erinnern, geschweige denn an Dinge, die vor Jahrzehnten passiert sind. Bestenfalls Erinnerungsfetzen stehen ihnen zur Verfügung, und diese Erinnerungsfetzen sowie das Gefühl, im Dorf nicht mehr willkommen zu sein, bekräftigen sie in ihrem Entschluss, eine mehrere Tage dauernde Reise in jenes Dorf zu unternehmen, in dem ihr Sohn lebt – warum er überhaupt weggezogen ist, wissen sie nicht mehr. Dennoch sind sich beide sicher: Er wartet auf sie und wird sie freudig empfangen.

Auf ihrer Reise begegnen die beiden einem sächsischen Krieger und einem ebenfalls dem Volk der Sachsen zugehörigen Buben, der von den Britonen aus höchst bizarren Gründen zum Tode verurteilt worden ist. Die beiden schließen sich Axl und Beatrice an; etwas später trifft das Quartett noch auf Sir Gawain – jawohl, DEN Sir Gawain, Neffe Arthurs und der letzte noch lebende Ritter der Tafelrunde, damit beauftragt, den Drachen Querig zu erschlagen. Man fragt sich als Leser unwillkürlich, warum Gawain für diese Aufgabe jahrzehnte benötigt und warum er so eifersüchtig darüber wacht, dass ihm ja kein anderer – in diesem Fall: der Sachsen-Krieger Wistan – zuvorkommt, eine Frage, die Ishiguro im letzten Drittel mit einer durchaus überraschenden Erklärung beantwortet.

Wer Ishiguro kennt, weiß, dass das Fantasy-Setting und die darin eingebettete Erzählung nur Vehikel sind, um bestimmte Ideen und Anliegen zu transportieren. Im Kern ist The Buried Giant eine Geschichte über die starke Liebe zwischen zwei Eheleuten, über Vergangenheitsbewältigung und über die Frage, ob es sinnvoll ist, sich der Vergangenheit mit aller Gewalt erinnern zu wollen oder ob es nicht mitunter gescheiter ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Dazu kann man die Geschichte, vor allem die Reise des Ehepaares, auf eine abstrakte Ebene heben und beispielsweise hinterfragen, ob die Reise überhaupt real ist. Der Titel gebende begrabene Riese fungiert als Metapher für begrabene Erinnerungen, für vorübergehend begrabene Kriegsbeile und für begrabene Konflikte, die man vielleicht nicht unbedingt wachrufen möchte. Er steht außerdem für Stagnation, die das ganze Land fest im Griff hat, wobei vor allem die Britonen davon erfasst sind, während die Sachsen danach streben, den Status Quo zu ändern. Das Buch strotzt vor Metaphern und Allegorien, die man jedoch selbst entschlüsseln muss, und über allem schwebt ein melancholischer Grundton, dem man sich kaum entziehen kann. Gleichzeitig ist der Roman von einer Ruhe, die ihresgleichen sucht; eines der ersten Adjektive, das mir nach den ersten 100 Seiten in den Sinn gekommen ist, um das Buch zu beschreiben, war “beruhigend”, gefolgt von “spannend” – ein scheinbarer Widerspruch, den Ishiguro aber erstaunlich gut in den Griff bekommt, sodass der Roman gleichermaßen spannend wie beruhigend ist. Ich könnte jetzt noch viel mehr über dieses wunderbare Buch schreiben, will aber nicht zu viel spoilern. Daher abschließend nur noch so viel: Wer tiefsinnige, subtile Bücher mag, unter deren Oberfläche sich mehr versteckt als man auf den ersten Blick vermutet und wer auch vor der etwas gewöhnungsbedürftigen, spröden Schreibweise Ishiguros nicht zurückschreckt, der sollte unbedingt zugreifen und sich auf diese melancholische Reise einlassen.

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Philip K. Dick – Minority Report (2002)

So ein Urlaub eignet sich hervorragend zum Lesen. Weil ich mittlerweile Gefallen an Philip K. Dicks Werken gefunden habe, habe ich mir daher die Kurzgeschichtensammlung Minority Report vorgenommen, die 2002 anlässlich des gleichnamigen Films mit Tom Cruise (der unnötigerweise auf dem Cover zu sehen ist) neu aufgelegt wurde. Wobei – das stimmt so nicht ganz. Es handelt sich um eines dieser “Film Tie-Ins”, das extra anlässlich des Filmstarts zusammengestellt wurde und im Unterschied zu früheren Ausgaben weniger bzw. andere Geschichten enthält.

Den Anfang macht die titelgebende Story “Minority Report”, der eine spannende Idee zugrunde liegt: Was, wenn man mit Hilfe von Mutanten vorhersehen könnte, wer wann welches Verbrechen begehen wird, um in der Folge ebendieses Verbrechen zu verhindern? Das System scheint bis zu dem Tag gut zu funktionieren, an dem ausgerechnet der Chef von “Precrime”, John A. Anderton, beschuldigt wird, in den kommenden Tagen einen gewissen Leopold Kaplan zu ermorden. Anderton, davon überzeugt, dass eine riesige Verschwörung gegen ihn im Gange ist, beginnt zu recherchieren, um den “minority report” zu finden, der seine Unschuld beweisen soll. Die Geschichte ist spannend und knackig erzählt; ob sich Steven Spielberg in der Umsetzung daran gehalten hat, kann ich nicht beurteilen, da ich den Film bislang nicht gesehen habe (Tom Cruise ist schuld).

Der Band enthält weiters die Kurzerzählungen “Impostor”, “We can remember it for you wholesale” (die Vorlage für den Schwarzenegger-Film Total Recall), “Second Variety”, “War Game”, “Oh, to be a Blobel”, “What the dead men say”, “The electric ant” und “Faith of our Fathers”. Dick greift dabei verschiedene Motive auf. So befindet sich die Erde in “Impostor” im Krieg mit einer außerirdischen Intelligenz; der Protagonist der Story wird verdächtigt, ein außerirdischer Spion zu sein, der von seinem Dasein als Spion aber nichts weiß – ein Motiv, das sich in “We can remember it for you wholesale” bis zu einem gewissen Grad wiederholt und weiter ausgebaut wird, indem der Protagonist mit diffusen Erinnerungen zu kämpfen hat, die sich um den Mars drehen.

Auch “Second Variety” spielt in einer dystopischen Welt und dreht sich um die Entwicklung künstlicher Intelligenz sowie die Möglichkeit, dass Maschinen die Herrschaft übernehmen könnten. Obwohl das Setting interessant war, konnte ich die Auflösung relativ rasch – ab etwa der Hälfte – vorhersehen, was dem Ganzen dann doch etwas die Spannung genommen hat. In “War Games” dreht sich alles um die Einfuhr von Spielen von einem anderen Planeten und deren Auswirkungen auf potenzielle Kunden – nett, aber im Vergleich zu “What the dead men say” nicht einmal ansatzweise so mitreißend. Auch gut gelungen ist “Oh, to be a Blobel” – vermutlich die lustigste Kurzgeschichte des Bandes und von Rezensenten gerne mit Kafkas Verwandlung verglichen, wobei die Komik gegen Ende hin eher in Tragik abdriftet. Eine der wohl besten Erzählungen der Sammlung ist aber sicherlich “Faith of our fathers”, die mich stellenweise stark an Lovecraft erinnert hat. Auch hier spielt Dick mit verschiedenen Realitäten und möglichen Wahrheiten, ein Thema, das sich durch fast alle Erzählungen zieht.

Wer knackige SciFi-Kurzgeschichten mag, ist mit diesem Band gut bedient. Auch für Leser geeignet, die von Dick noch nichts kennen und sich ein erstes Bild machen möchten.

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Klaus Böldl – Götter und Mythen des Nordens. Ein Handbuch (2013)

Unter einem Handbuch stellt man sich gemeinhin ein Nachschlagewerk vor, das meistens auch noch langweilig zu lesen ist und das man nur bei Bedarf zur Hand nimmt, etwa, wenn man einen Begriff oder einen Namen nachschlagen will. Das Handbuch zur nordischen Mythologie des Skandinavisten und Mediävisten Klaus Böldl leistet allerdings weit mehr. Nicht nur ist es unterhaltsam zu lesen, es geht auch dort in die Tiefe, wo es notwendig ist und beschränkt sich nicht auf eine bloße Aufzählung nordischer Götter und Mythen.

Böldl bettet die nordischen Mythen in ihr kulturelles Umfeld ein und zeigt auf, welchen Einfluss andere Kulturen – speziell die römische und später die christliche – auf die Entstehung bzw. Weiterentwicklung sowie auf die Verschriftlichung dieser Mythen hatten. Er räumt mit dem Vorurteil auf, dass es sich um eine homogene Religion handelt, die in ganz Skandinavien und Germanien bis auf den Punkt genau gleich ausgeübt wurde; vielmehr stellt sich die nordische Mythologie als heterogenes, dynamisches und durchaus anpassungsfähiges Gefüge dar, das fremde Einflüsse aufnimmt und verarbeitet. So hat der Mithraskult ebenso Eingang gefunden wie Schöpfungsgeschichten. Viele Elemente, so der Autor, seien erst im Zuge der Verschriftlichung eingefügt worden.

Besonders spannend fand ich die Beobachtung, dass es ohne die christliche Bekehrung Skandinaviens wohl nicht so schnell zur Niederschrift der Mythen gekommen wäre. Mindestens ebenso interessant: die Feststellung, dass der Benediktinerorden die Verschriftlichung stärker gefördert hat als der asketische Zisterzienserorden. Überhaupt ist das Kapitel über die Rahmenbedingungen der Verschriftlichung, ergänzt um eine Kurzbiographie von Snorri Sturluson und seiner Intentionen, eines der spannendsten im ganzen Buch.

Aber auch der Abschnitt über Kosmogonie, Kosmologie und Eschatologie liest sich höchst spannend – also die Mythen von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Untergang. Was ich bis dato nicht wusste: dass Ragnarök ein Pluralwort ist und eine Vielzahl apokalyptischer Vorzeichen meint, die den Weltuntergang einläuten. Im Anschluss beschäftigt sich Böldl mit den wichtigsten Göttern, namentlich Odin, Thor sowie den Fruchtbarkeitsgöttern Freyja und Frey. Auch Heimdall und Loki sowie die Götter des Wanenkreises werden behandelt, ebenso die Walküren, die Nornen und die Disen. In einem eigenen Kapitel geht Böldl schließlich auf die religiöse Welt der Samen ein, ehe er abschließend einen Blick auf die Rezeption wirft. Als aktuellstes Beispiel dient dabei die Marvel-Verfilmung Thor mit Chris Hemsworth; zur Sprache kommen aber auch  – natürlich – J.R.R. Tolkien oder die Rezeption während der Zeit der Romantik bzw. im frühen 20. Jahrhundert.

Alles in allem legt Böldl ein sehr kompaktes und dabei umfangreiches Buch vor, das Lust auf mehr macht. An manchen Stellen hätte ich mir ein paar Details mehr gewünscht, als Einstieg in die Welt der nordischen Mythologie ist Böldls Werk aber nur wärmstens zu empfehlen.

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Chuck Palahniuk – Make something up: Stories you can’t unread (2015)

Eigentlich mag ich Chuck Palahniuk. Er mag bisweilen mühsam und grauslich zu lesen sein, aber im Grunde mag ich ihn. Mit seiner Kurzgeschichten-Sammlung Make something up habe ich mich allerdings etwas schwer getan. Das lag hauptsächlich daran, dass Palahniuk einerseits krampfhaft versucht hat, sich stilistisch neu zu erfinden, indem er z.B. eine Geschichte in absichtlich schlechtem Englisch erzählt Andererseits war er mir zu bemüht grauslich, zu sehr auf Provokation aus. Und einige Geschichten fand ich schlicht und ergreifend langweilig.

Insgesamt präsentiert Palahniuk hier 21 Kurzgeschichten und eine Novelle, wobei sein Bemühen, möglichst viele Grenzen zu überschreiten, teilweise überdeutlich zu Tage tritt. Das äußert sich in immer wiederkehrenden Fäkalwitzen, die schon nach der ersten Story, “Knock-knock”, langweilig werden. Auch die Einbindung von Tyler Durden – jawoll, DEM Tyler Durden aus Fight Club – in die Geschichte “Expedition” wirkt aufgepropft und forciert, zumal der gute Tyler ein geschwollenes viktorianisches Englisch sprechen muss, das so gar nicht zu diesem Charakter passt. Gut gelungen fand ich hingegen die verdrehten Fabeln – Geschichten, in denen die Protagonisten mit Tiernamen belegt wurden. Anstatt also eine Geschichte über Peter, Paul und Mary zu erzählen, erzählt Palahniuk eine über Monkey, Gorilla und Coyote, wobei er diese Technik mehrmals anwendet und die betreffenden, sonst unabhängigen Geschichten zueinander in Verbindung setzt.

Palahniuk setzt sich auch wieder mit Drogen auseinander, wobei “Zombies” wohl eine der besten Kurzgeschichten des Buches ist: Schüler werden reihenweise von einer neuen Modedroge abhängig, die sie in den Zustand kindlicher Unschuld zurückversetzt. Richtig gut fand ich “Inclinations”: Ein Teenager-Mädchen erpresst seine Eltern durch wiederholte Schwangerschaften, ihm einen Porsche nach dem anderen zu kaufen, was der Hauptprotagonist der Geschichte zum Anlass nimmt, seinen Eltern vorzugaukeln, er sei homosexuell. Denn, so hat er gehört, es gibt ein “Umerziehungscamp” für homosexuelle Jugendliche, wo mehr oder weniger Milch und Honig fließen sollen. Der Plan: sich dort für ein paar Tage internieren zu lassen, “geheilt” zu werden und anschließend von den Eltern 20.000 Dollar zu kassieren. Palahniuk wäre nicht Palahniuk, wenn er diese von Vornherein absurde Geschichte nicht ins Düstere verkehren würde, wobei ihm hier die Balance zwischen Absurdität, Grauen und Empathie hervorragend gelungen ist. Immer im Fokus der Erzählungen: das Abweichende, das Grenzüberschreitende, das Groteske. Das gelingt Palahniuk mal mehr, mal weniger gut. An frühere Glanzleistungen wie z.B. Haunted kommt er leider nicht heran.

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Matt Ruff – Lovecraft Country (2016)

Was würde sich besser im Anschluss an eine Lovecraft-Anthologie eignen als das neueste Werk von Matt Ruff? Allein das Cover macht direkt Lust aufs Lesen – ganz bewusst im Pulp-Stil gehalten, die Ecken des Hardcovers wirken abgewetzt, was laut dem Buchhändler, bei dem ich den Roman erstanden habe, schon für einige Irritation seitens der Kunden geführt hat – à la “Das Buch ist doch beschädigt!” Die leicht reißerischen Elemente – ein gelber Button mit dem Text “America’s demons exposed!” – oder auch der in Gelb hervorgehobene Hinweis “A New Novel!” verstärken den Pulp-Eindruck noch, und die geisterhaften weißen Dinger am unteren Rand des Covers weisen darauf hin, dass Ruff sich einerseits Lovecraft und andererseits Rassismus in den USA vorgenommen hat. Denn die weißen Dinger kann man einerseits als Tentakel sehen, andererseits aber auch als Kapuzen des Ku-Klux-Klans.

Worum geht’s in Ruffs neuestem Roman? Wir schreiben das Jahr 1954. Der 22-jährige Atticus Turner, mehr oder weniger frisch aus dem Korea-Krieg zurück, ist auf dem Weg nach Chicago, um seinen Vater aufzusuchen. Der ist aber verschwunden. Also machen sich Atticus, sein Onkel George und seine Jugendfreundin Letitia auf den Weg, um Montrose zu finden. Sie stoßen dabei auf eine seltsame kleine Stadt namens Ardham (ja, das ist Absicht), in der ein noch seltsamerer Kult residiert, angeführt von Samuel und Caleb Braithwhite. Die Adamiten – auch bekannt als “Order of the Ancient Dawn” – sind drauf und dran, ein Ritual durchzuführen, für das sie Atticus benötigen. Der soll eigentlich nur ein paar Textzeilen vorlesen, es kommt aber anders als gedacht. Diese erste Episode bildet nur den Auftakt des Romans. In der Folge werden die wichtigsten Protagonisten in eigenen episodenhaften Kapiteln näher beleuchtet. So konzentriert sich “The Which House” (ja, auch das ist Absicht) auf Letitia und ihre neueste Errungenschaft, das Winthrop Haus, in dem es wenig überraschend spukt. “Abdullah’s Book” wiederum behandelt die Wiederbeschaffung eines okkulten Buches – nein, ausnahmsweise nicht das “Necronomicon”, sondern das Gegenstück, “The Book of Names”. Auch Georges Frau Hippolyta, begeisterte Hobby-Astronomin, lernt der Leser genauer kennen – und mit ihr eine neue Dimension bzw. einen neuen Planeten. Besonders spannend fand ich die Episode “Jekyll in Hyde Park”, die sich auf Letitias Schwester Ruby konzentriert und auf wirklich originelle Art und Weise mit der alten Geschichte von Jekyll und Hyde spielt bzw. diese neu interpretiert – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. In “The Narrow House” steht Atticus’ Vater Montrose im Mittelpunkt, wobei der Titel durchaus mehrdeutig ist – mit Sicherheit absichtlich. Die letzte Episode vor dem großen Finale stellt uns schließlich Horace vor, den Sohn von George und Hippolyta.

Was alle Episoden/Kapitel gemeinsam haben, ist der rote Faden, der sich durchzieht, und zwar in Gestalt von Caleb Braithwhite sowie des Ordens und okkulter Vorkommnisse. Auch Hiram Winthrop, der frühere Besitzer des gleichnamigen Hauses, begegnet uns immer wieder. Dabei haben wir es hier aber nur vordergründig mit einem Horrorroman zu tun. Vielmehr zeichnet sich recht schnell ab, dass die handelnden Personen – ausnahmslos Afroamerikaner – mit okkulten Ereignissen recht gut umgehen können, der allgegenwärtige Rassismus für sie aber der wahre Horror in ihrem Leben ist. Ruff geht den verschiedenen Aspekten des Rassismus nach, seziert ihn, ohne dabei anzuprangern – eine Gratwanderung, die ihm gut gelungen ist.  Auch die Vermischung von Lovecraft’schem Horror mit dem alltäglichen Horror des Rassismus hat Ruff wunderbar hinbekommen. An keinem Punkt wirkt die Welt, in der sich seine Figuren bewegen, unglaubwürdig oder überspannt. Dazu ist die Handlung auch zu sehr in der Realität verhaftet. Der von George herausgegebene “Safe Negro Travel Guide” beispielsweise basiert auf dem “Negro Motorist Green Book” von Victor H. Green, einem Reiseführer für Afroamerikaner, in dem Hotels und Restaurants verzeichnet waren, in denen Afroamerikaner willkommen waren bzw. bedient wurden – zu Greens Zeit ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie in Ruffs Roman. Allgegenwärtig sind auch die Jim Crow-Gesetze, die Basis für Rassentrennung in den USA und bis 1965 in Kraft.

Der oben erwähnte gelbe Button auf dem Cover, der verspricht, dass Amerikas Dämonen bloßgestellt werden, ist kein leeres Versprechen. Ruff nimmt sich Rassismus und Rassentrennung vor und erinnert uns daran, dass Rassismus auch heute noch allgegenwärtig ist. Er zeigt aber auch am Beispiel der Familie Turner vor, wie man Rassismus überwinden kann.

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