Glücksgriff Whitley

David Whitleys Die Stadt der verkauften Träume entpuppt sich als überraschender Glücksgriff – ich bin begeistert! Schön langsam kristallisieren sich mögliche große Handlungsbögen heraus, die vor allem um das Thema Gesellschaftskritik kreisen. Aber auch Oberflächlichkeit und Gefühlskälte sind dominant.

Ich hatte ja bereits geschrieben, dass ich mich erstaunlich gut in Lily und Mark hineinversetzen kann, obwohl sie grade mal 12 Jahre alt sind (das Alter wurde übrigens nicht zufällig gewählt). Nun kann man Whitley unterstellen, dass er jugendliche Protagonisten eingeführt hat, um das Buch (bzw. die Trilogie) auch an jugendliche Leser verkaufen zu können. Allerdings ist das Buch inhaltlich sowie stilistisch so ganz anders als ein “typisches” Jugendbuch – wenn ich z.B. an Suzanne Collins’ Hunger Games-Trilogie denke, dann fällt mir sofort der höchst unterschiedliche Schreibstil ins Auge. Während Collins ganz klar für ein vorwiegend jugendliches Publikum schreibt, scheint mir Whitleys Trilogie in erster Linie für Erwachsene gedacht zu sein. Warum agieren seine jungen Protagonisten dann stellenweise so erwachsen und frühreif?

Gesellschaft ohne Kindheit

Die Antwort ist simpel: Die Gesellschaft verlangt es von ihnen. Lily wurde im Alter von sechs Jahren mitten in der Nacht an einen Buchbinder verkauft, noch dazu im Schlaf, d.h. sie ist am nächsten Tag in einer ihr völlig fremden Umgebung aufgewacht und musste sich anpassen. Bei Mark erleben wir hautnah mit, wie er aus seinem gewohnten Leben herausgerissen und in eine neue Situation katapultiert wird bzw. welche Schwierigkeiten er hat, sich daran zu gewöhnen.  Ich denke, Whitley will einfach darstellen, wie das System in Agora funktioniert, und nachdem es in der Stadt normal ist, dass Kinder schon sehr früh zu arbeiten beginnen, ist es nur konsequent, dass er zwei Kinder in den Mittelpunkt der Handlung stellt. In einer derart seltsamen, eigenwilligen Welt, wie sie Whitley erschafft, ist es zudem schwierig, exakt festzulegen, wie kindgerechtes Verhalten und Benehmen auszusehen haben – schlicht und ergreifend deshalb, weil es eine Kindheit, wie wir sie kennen, dort nicht gibt. Entsprechend früh müssen die Kinder erwachsen werden. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Gesellschaftskritik

Schön langsam schleicht sich auch immer mehr Gesellschaftskritik ins Buch ein. So reflektiert Lily – mittlerweile 13 Jahre alt (Whitley lässt die Zeit relativ schnell vergehen) – darüber, dass eine Gesellschaft, in der kleine Kinder mitten in der Nacht an Wildfremde verkauft werden können, geändert werden müsste. Der Arzt, den sie inzwischen Theo nennen darf und der mehr Freund als Dienstgeber ist, sieht das anders; er hat seine Ideale schon lange über Bord geworfen und meint resignierend, dass es in Agora kein besseres Leben geben könne – woraufhin vor Lilys geistigem Auge das Bild ihres 70-jährigen Ich entsteht, das noch immer dieselben Kräuter für dieselben Behandlungen in demselben Mörser zerstampft. Das ist der Punkt, an dem Lily sagt: “Das will ich nicht.” Wie sie sich dem Ganzen entziehen wird – ich bin gespannt.

Unterdessen wurde Mark vom Grafen zum Sterndeuter ausgebildet. “Super”, denkt man sich als Leser, “der Bub kriegt eine Chance, ist doch toll” – und genau das soll man auch denken. Whitley geht hier äußerst raffiniert vor, indem er den Leser mühelos in Marks Position versetzt, sodass man die Freude des Buben teilt und sich überlegt, dass ja wohl doch nicht alles so schlimm ist in Agora. Denkste. In Wahrheit ist die Ausbildung Marks nur eine einzige große Intrige des Grafen, der seinem Erzrivalen beweisen will, dass Kinder als Sterndeuter ungeeignet sind. Besagter Erzrivale hatte sich nämlich über die Sterndeuter lustig gemacht und sinngemäß verlauten lassen, dass sogar Kinder diese unnötige Kunst ausüben könnten. Perfider Plan: Mark wird “ausgebildet” (= der Graf sagt ihm alles vor) und soll am Agora-Tag drei Prophezeiungen verlesen, von denen mindestens zwei den Tag selbst betreffen sollen. Treffen sie nicht sofort ein, hat der Graf – der natürlich nach bestem Wissen und Gewissen ausgebildet hat und das vor Marks Auftritt auch demonstriert – seinem Widersacher und ganz Agora ein für allemal klar gemacht, dass die Sterndeuterei ausschließlich von erwachsenen Männern ausgeübt werden kann und außerdem eine ernst zu nehmende Angelegenheit ist. Dass Mark durch diese Aktion zu “Ausschuss” wird – kein Mensch in Agora würde ihn nach diesem (wenngleich inszenierten) Scheitern noch bei sich aufnehmen -, ist dem Grafen wurscht. Blöd nur, dass Mark hinter die Intrige kommt und seinerseits mit Hilfe eines befreundeten Dieners einen Gegenplan entwirft.

Utopische Züge, die Bedeutung der Zwölf

Wie in Agora mit Menschen umgegangen wird, ist also ziemlich heftig und auch trostlos. Dabei sind nicht einmal die Mächtigen davor sicher, “Ausschuss” zu werden – das wird jedenfalls im Zusammenhang mit oben erwähnter Intrige angedeutet. Der Rivale des Grafen könnte, wenn er öffentlich gedemütigt wird, seine hohe Position verlieren und “Ausschuss” werden – immerhin ein kleiner Funke Gerechtigkeit. Bislang hatte ich angenommen, dass nur die Angehörigen der unteren Schichten von dieser Problematik betroffen sind, aber anscheinend kann es jeden treffen.

Eigenartig: Es scheint nur die Stadt zu geben. Zumindest ist von einem Umland bislang nicht die Rede. Und selbst die Stadt ist ihren Bewohnern zum Teil gänzlich unbekannt. Viele kennen nur ihr unmittelbares Umfeld, aber keinen der anderen Bezirke. Dazu kommen utopische Züge. In der Vergangenheit muss etwas passiert sein, dass zur Gründung von Agora und damit zum “Goldenen Zeitalter” geführt hat – was, wird vorerst nicht erklärt. Die Gründung Agoras liegt zum Zeitpunkt der Handlung exakt 144 Jahre zurück (12 x 12), die Stadt ist in zwölf Bezirke gegliedert, Lily und Mark sind zu Beginn zwölf Jahre alt. Welche Bedeutung die Zwölf hat, habe ich noch nicht herausgefunden, und ich warte auch noch auf eine Erklärung dafür, was vor dem “Goldenen Zeitalter” passiert ist.

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