Ich werde zum Whitley-Fan

Schön langsam nähere ich mich dem letzten Drittel von Die Stadt der verkauften Träume – und noch immer bin ich restlos begeistert über die vielen feinen Nuancen, die Whitley einwebt, die kurzen Erklärungen zur Gesellschaftsstruktur von Agora, die er so nebenbei hinwirft, die Entwicklung der Charaktere… fantastisch! Wenn das so weitergeht, werde ich noch zum Fan.

Sozialer Aufsteiger: Mark

Marks Prophezeiungen haben sich, wie zu erwarten war, erfüllt, was die gesellschaftlichen Extreme in Agora wunderbar zum Vorschein gebracht hat: Während Mark als neues Wunderkind der Sterndeuterzunft gehandelt wird, taucht der Graf, sein ehemaliger Arbeitgeber, unter. Nachdem eine bestimmte Anzahl von Monaten verstrichen ist, wird der Graf für tot erklärt, und all seine Besitztümer fallen an Mark – der Graf hatte ja seinen einzigen Verwandten, den Arzt Theo, enterbt, und außer Mark hat er keine Diener. Mit einem Schlag ist Mark also angesehen und reich, bewegt sich in den Kreisen der High Society – nicht ohne Unbehagen – und vertritt den Standpunkt, dass ihm das durchaus zusteht, nachdem er ja nicht grade mit dem sprichwörtlichen Silberlöffel im Mund geboren wurde. Dass seine Geschäfte mitunter andere Menschen ins Unglück stürzen, bekommt er nicht oder nur am Rande mit. Wie weit seine Integration in die High Society von Agora bereits geht, sieht man übrigens besonders schön an einer Szene, in der Lily sich über Marks Wandlung fürchterlich aufregt. Seine Reaktion: Er bietet ihr besonders “hochwertige” Gelassenheit an, hat also die Angewohnheit der Upper Class, fremde Gefühle wie Drogen zu konsumieren, bereits übernommen.

Soziales Gewissen: Lily

Bei Lily laufen die Dinge anders. Sie hatte ja schon früher festgestellt, dass die Gesellschaft von Agora nur auf Materielles aus ist. Geld im herkömmlichen Sinn gibt es nicht; man tauscht Dinge, Leistungen oder auch Gefühle gegen andere Dinge bzw. Leistungen ein. Allerdings gibt es die so genannten “Schuldner”, die nichts mehr haben, das sie z.B. gegen Lebensmittel eintauschen könnten. Lilys Plan, ein Almosenhaus zu etablieren, in dem diese Menschen unentgeltlich versorgt und auch medizinisch behandelt werden, wird von der Obrigkeit natürlich argwöhnisch beobachtet. Zwar hat sie Förderer, aber auch deren Reichtum ist begrenzt. Mark bietet sich als Förderer an; als Lily aber draufkommt, dass er mitverantwortlich ist für das Elend der Menschen, will sie davon nichts mehr wissen.

Konflikt vorprogrammiert

Es ist spannend zu sehen, wie Whitley die beiden Hauptfiguren unterschiedliche Lebenswege nehmen lässt, wie sich die beiden entwickeln und wie diese unterschiedliche Entwicklung langsam, aber sicher gewaltiges Konfliktpotenzial erwachsen lässt. Denn dass es früher oder später zwischen den beiden krachen wird, steht für mich fest. Mark verkörpert alles, was Lily an Agora unmenschlich und ungerecht findet, und obwohl Mark mit Sicherheit kein schlechter Kerl ist, nimmt er, was er kriegen kann, weil er nicht mehr in sein altes Leben zurück möchte.

Ja, und noch ein potenzieller Unruhestifter ist mittlerweile wieder aufgetaucht: der Graf. Theo hat monatelang nach seinem Großvater gesucht, obwohl dieser bereits für tot erklärt wurde. Jetzt hat er ihn gefunden, und ich bin mir sicher, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird. Möglich, dass sich der alte Mann geändert hat. Möglich aber auch, dass er seine Besitztümer zurückverlangen wird.

Weitere interessante Aspekte

  • eine geheimnisvolle Bruderschaft, die nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt wird und die der Graf im ersten Drittel als bösartig und verbrecherisch beschreibt. In Erscheinung getreten sind die Herrschaften noch nicht.
  • Jedes Viertel der Stadt hat Besonderheiten. So hat die “Graue Seuche”, an der Mark zu Beginn des Buchs leidet, sich ausschließlich auf den Fische-Bezirk beschränkt. Das reichste Viertel ist der Löwe-Bezirk. Daneben wurden bislang nur die Bezirke Jungfrau und Schütze erwähnt.
  • Menschen gelten in Agora mit 12 Jahren als erwachsen und werden fortan mit “Mr” oder “Miss” angesprochen. Nachnamen scheint es nicht oder nur in Ausnahmefällen zu geben. So werden unsere Helden als “Mr Mark” und “Miss Lily” angesprochen, während ein Sänger-Ehepaar denselben Namen trägt – allerdings auch mit “Signor” bzw. “Signora” angesprochen wird. Das ist etwas verwirrend, hat aber sicherlich einen guten Grund.
  • Es gibt Legenden, dass außerhalb der Mauern von Agora nichts existiert, bestenfalls Wald. Ich gehe davon aus, dass dem nicht so ist.
  • Die Zwischenspiele, die im Büro des “Direktors” angesiedelt sind, geben mir derzeit noch Rätsel auf. Der “Direktor” dürfte so etwas wie der oberste Regierungschef in Agora sein, auch wenn ihn nie jemand zu Gesicht bekommt. Gemeinsam mit seiner Assistentin Miss Rita beobachtet er Mark und Lily (ihre Namen werden dabei nicht genannt) und spricht von einer Prophezeiung im “Mitternachts-Statut”. Der genaue Wortlaut dieser Prophezeiung ist noch nicht enthüllt worden; dass sie sich auf Mark und Lily bezieht, steht aber außer Zweifel. Und: Die Zwischenspiele sind, anders als der Rest des Buches, im Präsens gehalten.
  • Der deutsche Buchtitel erscheint mir nur zum Teil gut gewählt, denn die Menschen verkaufen vor allem ihre Gefühle. So marschieren die “Kunden” von Lilys Almosenhaus nach einem Besuch bei Lily direkt zur benachbarten Vermieterin (die Lily anfangs ihren Ekel ausgesaugt hatte), um dort ihre Gefühle zu verkaufen, weil sie sonst nichts mehr haben, das sie eintauschen könnten. Diese Menschen werden als leere, abgestumpfte Hüllen beschrieben, an denen das Leben vorüberzieht, während andere Menschen sich mit fremden Gefühlen nach Bedarf aufputschen oder beruhigen. Das ist ein Konzept, das ich nach wie vor sehr, sehr spannend finde, weil es mal was völlig Neues ist.
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