David Whitley – Die Kathedrale der verlorenen Dinge (2011)

Berufsbedingt bin ich leider nicht so viel zum Lesen und Bloggen gekommen, wie ich das gerne hätte – aber eine schlaflose Nacht hat dazu geführt, dass ich mittlerweile rund ein Drittel  von Die Kathedrale der verlorenen Dinge, dem zweiten Band der Agora-Trilogie von David Whitley, gelesen habe. So viel kann ich verraten: Es bleibt spannend, und Gegensätze spielen auch im zweiten Band eine große Rolle – nicht nur Gegensätze zwischen Lily und Mark, sondern auch Gegensätze zwischen Agora und dem Friede-Freude-Eierkuchen-Dorf Aecer im Land Giseth, das einige Tagesmärsche von Agora entfernt liegt. Die Gesellschaft in Aecer ist das komplette Gegenteil von jener in Agora: Hier wird unentgeltlich jedem geholfen, so etwas wie Verträge kennen die Menschen nicht. Die Spitze der Hierarchie bilden ein schweigender Mönch und eine Sprecherin, die gerne in religiösen Singsang verfällt und stets erklärt, dass verschiedene Taten im Willen der gesamten Bevölkerung passieren. So ist es der Wille aller, dass Lily und Mark im Dorf bleiben – allerdings muss sich Mark, der noch mit Leib und Seele Agoraner ist, erst anpassen und “gereinigt” werden, weil er laut Sprecherin von etwas besessen ist, das “Alptraum” genannt wird. Klingt harmlos, dürfte aber ziemlich übel sein, weil es schon mal zur Ausrottung eines benachbarten Dorfes geführt hat – die Menschen fangen dann an, sich selbst zu verletzen und im Schlaf skurrile Dinge zu tun. Entweder haben wir es hier mit einem bösartigen Dämon oder einer nicht minder bösartigen Droge zu tun. In jedem Fall werden die Menschen dazu gebracht, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden.

Wie geht’s unseren Helden?

Zu Beginn steht die Freundschaft von Lily und Mark auf dem Spiel. Mark ist wütend, weil Lily ohne ihn zu fragen für sie beide entschieden hat. Noch wütender wird er, als er erfährt, dass Lily im Umland von Agora ihre Eltern suchen möchte. Er will nur eines: zurück nach Agora, obwohl er dort nichts mehr hat, zu dem er zurückkehren könnte – abgesehen von seinem Vater, der übrigens von der Sekretärin des Direktors darüber informiert wird, dass Lily und Mark die Stadt verlassen haben. Sie tut das natürlich anonym – wer setzt schon gerne seinen Job und sein gesellschaftliches Ansehen aufs Spiel.

Mark will also zurück nach Agora. Nach einem heftigen Streit mit Lily läuft er blindlings durch den Wald. Lily will ihn nicht so einfach aufgeben und läuft ihm hinterher. Dabei wird sie von einem wilden Tier angefallen und schwer verletzt; nur das Einschreiten eines geheimnisvollen Fremden rettet ihr das Leben. Unsere Helden werden von den Bewohnern Aecers schließlich entdeckt und ins Dorf gebracht, wo sich Mark auch nach Monaten wie ein Außenseiter fühlt, während Lily das Gefühl hat, angekommen zu sein, zu Hause zu sein. Mal schauen, ob sich das bewahrheitet.

Was hat es mit Aecer auf sich?

Nach gut einem Drittel des Buches wage ich zu behaupten, dass in Aecer nicht alles so Friede-Freude-Eierkuchen ist, wie es zunächst scheint. Da dreht ein Schaf durch und beißt ein anderes Schaf tot, da tut Mark im schlafwandlerischen Zustand seltsame Dinge, da werden von der Sprecherin und Vater Wolfram (das ist der schweigende Mönch) bei einem Frühlingsfest einfach zwei junge Leute miteinander verlobt, weil sie sich im vergangenen Jahr besonders hervorgetan haben. Dazu kommen Geschichten über Hexen und den “Alptraum”, der Menschen und Tiere gleichermaßen dazu bringen kann, sich selbst bzw. einander scheußliche Dinge anzutun. Dass es Lily eine gehörige Portion Geduld kostet, ehe sie Details aus der Sprecherin herausgekitzelt hat (Killerargument: “Wenn ihr wollt, dass wir bleiben, solltet ihr uns schon einweihen.”), versteht sich von selbst. Und ich glaube nicht, dass es bei diesen Enthüllungen bleiben wird. Ich vermute, dass Vater Wolfram und die Sprecherin ihr kleines Völkchen ganz gezielt im Griff haben wollen und womöglich hinter all dem Zauber stecken. Aber gut, ich kann mich auch irren – meine Vermutung, dass der alte Graf noch für Ärger sorgen würde, hat sich bislang auch nicht bewahrheitet.

Eine Anmerkung noch zur gesellschaftlichen Struktur von Aecer: Anders als in Agora gelten die Menschen hier nicht bereits mit zwölf Jahren als erwachsen, sondern erst mit 16. Lily und Mark werden daher wie Kinder behandelt – noch ein Umstand, an den sie sich erst gewöhnen müssen. Und: Es gibt kein Eigentum in Aecer, dieses Konzept ist den Menschen hier völlig fremd. Während also Eigentum und Ansehen in Agora alles ist, steht Aecer mehr oder weniger für ein kommunistisches Konzept, das aber sicher nicht frei von Fehlern ist.

Und das tut sich unterdessen in Agora

Dass die Sekretärin des Direktors heimlich und anonym Marks Vater über den Verbleib seines Sohnes informiert hat, wissen wir bereits. Im von Lily aufgebauten Armenhaus geht es derweil drunter und drüber; seit sie weg ist, kommt es regelmäßig zu Schlägereien zwischen den “Schuldnern”, die so genannten “Eintreiber” (entsprechen in etwa der Polizei) müssen immer wieder einschreiten. Wir erfahren, dass seit Lilys und Marks Verschwinden bereits zwei Wochen vergangen sind; auf die Nachricht über ihren Verbleib reagieren alle sehr erfreut – immerhin sind die beiden am Leben.Yay!

Unterdessen spinnt der oberste Richter Intrigen gegen den Direktor, der sich wiederum des ehemaligen Dieners von Mark, Snutworth, bedient. Dieser hat nach Marks gesellschaftlichem Absturz all sein Vermögen geerbt und weil er grad dabei war, hat er auch noch Marks Verlobte Cherubina geheiratet, die sich fortan “Mrs. Snutworth” nennen darf. Welches Mädchen träumt nicht davon, so einen Namen zu tragen… Jedenfalls ist eine mächtige Intrige im Gange; Lord Ruthven (so heißt der oberste Richter) will offensichtlich selbst Direktor werden, muss dazu aber an Snutworth vorbei. Ich bin gespannt, wie er das anstellen wird und finde es sehr schön, dass Whitley seine Leser auch über die Vorgänge in Agora auf dem Laufenden hält. Der Hauptfokus liegt aber natürlich auf Mark und Lily, die letzten Endes über das Schicksal Agoras richten sollen.

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