J.R.R. Tolkien – The Hobbit (1937)

Zeit für einen Klassiker: Inspiriert durch einen Kinobesuch mit meinem Mann, habe ich mir am Sonntag nach Jahren The Hobbit von J.R.R. Tolkien vorgenommen – einerseits, weil mir der Film von Peter Jackson sehr gut gefallen hat und andererseits, weil ich keine Lust habe, bis Dezember zu warten, um zu erfahren, wie’s weitergeht bzw. wie die Geschichte endet. Und ich wollte schauen, wie genau es Peter Jackson denn nun mit dem ersten Teil seiner Trilogie genommen hat, sprich: wie exakt er sich an die Buchvorlage gehalten hat. Dabei bin ich an sich kein Fan davon, Bücher und ihre Verfilmungen miteinander zu vergleichen, einfach, weil es sich hierbei um zwei völlig unterschiedliche Medien handelt. Obendrein fällt der Vergleich bislang zugunsten des Films aus, aber dazu später.

Mein Gedächtnis lässt mich im Stich

So seltsam das auch klingen mag: Obwohl ich das Buch schon einmal gelesen habe, ist von der Geschichte so gut wie nichts hängen geblieben. Das mag an der langen Zeitspanne liegen, die seither vergangen ist – ich glaube, erstmals habe ich das Buch vor gut 15 Jahren gelesen. Ein mieses Gedächtnis habe ich außerdem. Allerdings liegt es auch zu einem guten Teil am Buch selbst, dass ich mir mehr oder weniger kaum etwas gemerkt habe. Müsste ich das Buch in wenigen Worten zusammenfassen, kämen mir als erstes diese Worte in den Sinn: Bilbo, Hobbit, Gandalf, Gollum, Ring, Smaug. Handlung? Fehlanzeige. “Bilbo begibt sich auf ein Abenteuer, das irgendwas mit einem Drachen zu tun hat.” Nicht grade eine detaillierte Inhaltsangabe. Insofern bin ich gerade dabei, das Buch neu zu entdecken.

Kapitel 1 bis 6: Was ich nicht mag

Nach den ersten sechs Kapiteln – die übrigens auch im Film sehr gründlich behandelt und ausgeschmückt werden – weiß ich jetzt wieder, warum das Buch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat bzw. warum mir The Lord of the Rings immer schon lieber war:

  • Schreibstil. Dieser ist ganz klar auf ein junges Publikum ausgelegt, für Tolkiens Verhältnisse schlicht gehalten und mitunter auch etwas naiv.
  • Schemenhafte, kaum fassbare Charaktere. Abgesehen von Bilbo, Gandalf und Gollum ist bislang kein Charakter dazu angetan, sich ins Gedächtnis einzuprägen. Nicht einmal Thorin Oakenshield, der ja doch eine wichtige Figur ist, tut sich hervor. Anfangs wird mehrfach betont, dass er ein sehr, sehr wichtiger Zwerg ist; seine Geschichte wird kurz erzählt – und das war’s bisher auch schon. Er zeigt keine Führungsqualitäten, er bleibt gesichtslos, eine Charakterentwicklung findet – anders als im Film – nicht statt. Zwar kennt ihn jeder dem Namen nach, aber das war’s dann auch schon. Anders im Film: Thorin ist ein charismatischer Zwerg, der seine Zweifel angesichts Bilbos Reise klar zum Ausdruck bringt, aber auch zugeben kann, dass er sich geirrt hat. Er ist heldenhaft (hier wurden wohl Anleihen bei Aragorn genommen, nur dass Thorin im Film schönere und gepflegtere Haare hat als Aragorn – sorry, Viggo *g*), er hat Führungsqualitäten, er ist ganz klar der Anführer der Zwerge. Daran wird nicht gerüttelt. Und er wird neben Gandalf und Bilbo in den Mittelpunkt gerückt. Im Buch ist das in diesem Ausmaß bislang nicht der Fall (ich bin ca. bei der Hälfte, also vielleicht kommt da ja noch was). Thorin ist wichtig, fertig. Ich denke, man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass das Buch ursprünglich für Kinder/Jugendliche geschrieben wurde und entsprechend vereinfacht; zusätzlich muss man das Entstehungsjahr berücksichtigen, gar keine Frage. Dennoch nagt diese mangelnde Charakterentwicklung an mir, und das nicht zu knapp. Man muss die Charaktere selbst mit Leben füllen, was gut klappt, wenn man über eine ausgeprägte Phantasie verfügt und/oder die Filme kennt bzw. Tolkiens Werk als solches. Das ist insofern nichts Schlechtes, als die Charaktere, wie sie im Film präsentiert werden, sich beim Lesen nicht automatisch aufdrängen.
  • Die Elben. OMG. Eine Faschingsgilde ist nix dagegen. Die sitzen in Bäumen und singen irgendwelche Spaß-/Spottlieder über Gandalf und Co., als die in Rivendell einziehen. Hallo? Elben waren und sind für mich immer sehr würdevolle, weise, erhabene Wesen gewesen, die nicht rumblödeln und Schabernack treiben. Es ist eine Weile her, seit ich The Lord of the Rings gelesen habe, aber ich bilde mir ein, dass die Elben in diesem Buch genau so sind, wie ich sie oben beschrieben habe: würdevoll, weise, erhaben. Im Ernst jetzt – kann sich irgendwer Galadriel vorstellen, die in einem Baum hockt und ein Lied über den runden Bauch von Bilbo singt? Oder Elrond? Na echt nicht.
  • Die vielen, vielen Lieder. Die haben mich schon bei The Lord of the Rings fürchterlich genervt, weil sie die Handlung im Grunde nicht weiterbringen. Lyrisch sind sie vollkommen in Ordnung, aber muss es ein derartiger Haufen sein? Sogar die Orks – Verzeihung: Goblins – singen im Hobbit. Singende Orks. Bitte. Das ist albern.

Kapitel 1 bis 6: Das war gut

Natürlich gibt es auch Aspekte, die sehr gut sind. Da wäre das Rätselduell zwischen Bilbo und Gollum – ganz großes Kino, wunderbar durchdacht und ausgefeilt. Auch die Charakterisierung Gollums ist hervorragend gelungen – man erfährt zwar nicht allzu viel über ihn, aber die Dynamik zwischen Gollum und Bilbo ist einzigartig. Allein Bilbos Anflug von Mitleid ist bemerkenswert. Wir erinnern uns: Frodo wird später herumsudern, dass man Gollum am besten töten sollte. Er revidiert diese Meinung erst dann, als Gandalf ihn auf Bilbos Mitleid mit Gollum aufmerksam gemacht hat – und im Grunde ist Gollum ja eine arme Sau, weil er komplett vom Ring abhängig ist.

Damit erschöpfen sich bislang leider die wirklich guten Aspekte des Buches. Vieles ist albern (Ponys und Schafe, die einen Tisch decken? Echt jetzt?), aber wie gesagt: Man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um ein Kinderbuch handelt. Zu meinen Lieblingsbüchern wird es nie gehören, da bin ich mir jetzt schon sicher. Und was mich nach der Lektüre der ersten sechs Kapitel wirklich überrascht hat: Ich finde den Film besser als das Buch. Das kommt so gut wie nie vor.  Aber schauen wir mal, wie sich die Lektüre weiter entwickelt 🙂

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2 Responses to J.R.R. Tolkien – The Hobbit (1937)

  1. Kristernchen says:

    Es hat wohl einen Grund, warum LotR beruehmt wurde und der Hobbit eher nicht 🙂 Aber ich muss sagen, es ist ein liebes kleines Buch.

  2. Sumbu says:

    Stimmt 🙂 Aber vom Hocker reißt’s mich nicht, ich quäl mich grade durch das letzte Drittel und weiß jetzt wieder, warum ich das Buch nie so toll gefunden habe wie LotR – weil man dem Hobbit auf jeder einzelnen Seite anmerkt, dass es ein Kinderbuch ist. Und die Lieder *argh*

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