Literaturverfilmungen – pro und contra

Literaturverfilmungen sind eine Kategorie für sich und kämpfen im Grunde immer mit einem Problem: Leser haben eine bestimmte Vorstellung im Kopf und erwarten, diese auf der Leinwand auch umgesetzt zu sehen. Das funktioniert nicht immer. Der Trick ist, sich bewusst zu machen, dass Bücher und Filme zwei völlig unterschiedliche Medien sind. Bücher beanspruchen die Phantasie des Lesers, während Filme mit Schauwerten arbeiten können. Bücher können subtile Gefühlsregungen, innere Konflikte, Gedankenwelten, oder, wie im Fall von Patrick Süskinds Das Parfum, sogar Gerüche beschreiben. Das sind Aspekte, die ein Film nur schwer umzusetzen vermag und die die ganze Aufmerksamkeit bzw. Phantasie des Lesers fordern. Das soll natürlich nicht heißen, dass Filme per se anspruchslos sind oder dass Literaturverfilmungen von Haus aus nicht an das jeweilige Buch herankommen. Letzten Endes ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks – man entscheidet selbst, ob einem eine Literaturverfilmung zusagt oder nicht. Wenn man sich von der literarischen Vorlage lösen kann, gelingt das leichter als wenn man beim Ansehen des Films nach Änderungen, Fehlern und dergleichen sucht.

Es gibt Literaturverfilmungen, die hervorragend funktionieren – für mich gehört dazu unter anderem die Lord of the Rings-Trilogie von Peter Jackson, obwohl (oder gerade weil) sie sehr viele Änderungen gegenüber der Buchvorlage beinhaltet. Das Elbenheer vor Helm’s Deep kommt im Buch beispielsweise nicht vor, ist im Film aber vor allem eines: episch. Und die Elben haben die Möglichkeit, in den Kampf einzugreifen anstatt nur weise und würdevoll ihre Ratschläge zu geben bzw. festzuhalten, dass sie sich bitteschön aus allem raushalten möchten, weil sie das alles nichts angeht. Gleichzeitig wird ein wunderbarer Bogen zum Beginn des ersten Films geschlagen bzw. zu der Sequenz, in der Elben und Menschen Seite an Seite gegen Sauron kämpfen (auch das eine Szene, die so im Buch nicht vorkommt). Indem Jackson die Elben vor Helm’s Deep aufmarschieren lässt, erneuert er dieses Bündnis – ein Umstand, der von Haldir bekräftigt wird. Wie gesagt: episch. Und wir lernen daraus: Elben sind sterblich, wenn man ihnen mit einem Schwert den Kopf spaltet. Sie mögen noch so erhaben und würdevoll sein, aber ohne Helm nützt ihnen ihre ganze Würde nichts, wenn ein Uruk-Hai sie von hinten niedermetzelt.

In vielen Fällen ist es notwendig, die filmische Adaption gegenüber der Buchvorlage zu verändern. So wäre eine Verfilmung von Bret Easton Ellis’ American Psycho ohne Änderungen und Kürzungen nicht möglich gewesen. Wer das Buch kennt, weiß, wie grauslich der Roman ab ca. der Hälfte wird. DAS auf die Leinwand bringen? Für ein Massenpublikum? Nie im Leben. Dennoch ist die filmische Umsetzung grausam, wird Patrick Bateman als irrer Mörder dargestellt – mit der Möglichkeit zur Interpretation, die auch im Buch gegeben ist. Ist Bateman wirklich ein Wahnsinniger, der in seiner Freizeit bevorzugt Frauen abschlachtet oder bildet er sich alles nur ein, weil er zu viel Koks geschnupft hat? Weder Film noch Buch geben darauf eine Antwort, und das ist auch gut so, denn so wird die Vorstellungskraft des Lesers gefordert. Man wird zum Nachdenken angeregt. Nicht zuletzt ist die überragende Darstellung Christian Bales hervorzuheben, der Bateman mit einer Intensität verkörpert, die einen schaudern lässt.

Andere Literaturverfilmungen bemühen sich, möglichst nahe an der Buchvorlage zu bleiben und Dialoge wörtlich zu übernehmen. Am eindringlichsten sind mir hierbei die beiden Adaptionen von Franz Kafkas Der Prozeß im Gedächtnis geblieben. Beide Verfilmungen sind exzellent, wobei Anthony Perkins eindringlicher spielt als Kyle McLachlan (dieser wird für mich immer Agent Dale Cooper aus Twin Peaks bleiben. Sorry, Kyle). Die Beklemmung, Verwirrung und düstere Atmosphäre wird in der älteren Verfilmung besser transportiert, während die neuere Adaption (“neu” ist relativ – die zweite Verfilmung stammt aus dem Jahr 1993) sich sehr stark an die Dialoge im Buch hält.

Es gäbe unzählige Beispiele für gelungene bzw. misslungene Literaturverfilmungen. Am Ende bleibt jedoch dieses übrig: Ein Film kann einem Buch niemals gerecht werden und umgekehrt. Beide sind gleichberechtigte Kunstformen, die ihre Daseinsberechtigungen haben. Wenn man sich von der Vorstellung löst, dass eine Literaturverfilmung exakt dem zu Grunde liegenden Buch entsprechen muss, dann kann man den Film auch genießen. Und manchmal ist eine Verfilmung sogar besser als das Buch.

 

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2 Responses to Literaturverfilmungen – pro und contra

  1. Noch ein Kommentarversuch, liebe Su. Danke für den letzten Absatz, Du sprichst mir damit sowas von aus der Seele!

  2. Sumbu says:

    Jetzt hat’s geklappt – fein 🙂

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