Stephen King – Bag of Bones (1998)

Nach der Novellensammlung Full Dark, No Stars bin ich kurzzeitig wieder dem Stephen King-Fieber verfallen und habe mir direkt im Anschluss den Roman  Bag of Bones (dt.: Sara) vorgenommen. Trotz des Umfangs – in gedruckter Form umfasst die englische Ausgabe immerhin über 700 Seiten – habe ich gerade mal eine Woche für das Buch gebraucht. Allerdings stehe ich dem Roman sehr zwiegespalten gegenüber. Müsste ich Bag of Bones in einem Wort beschreiben, wäre das “nett”. Dabei handelt es sich um eine Geistergeschichte, gruselig fand ich das Ganze allerdings nicht.

Eine Hommage an Daphne duMaurier?

Worum geht’s? Michael Noonan, Autor diverser Unterhaltungsromane, verliert urplötzlich seine geliebte Frau Johanna, stürzt daraufhin in eine vier Jahre dauernde Schreibblockade bzw. Lebenskrise und beschließt aufgrund wiederkehrender Träume – die er in Anlehnung an Daphne duMauriers großartigen Roman Rebecca “Manderley-Träume” nennt, endlich in das Sommerhaus “Sara Laughs” am Dark Score Lake zurückzukehren. Denn irgendetwas in seinen Träumen zieht in magisch dorthin, er weiß, da gibt’s etwas aufzuarbeiten. Erwartet uns hier etwa eine Hommage an Daphne duMaurier? Die Anzeichen sind jedenfalls da.

Die einleitenden Kapitel sind King hervorragend gelungen – Johannas Tod wird sehr eindringlich, einfühlsam und dabei ohne Pathos beschrieben, und auch Mikes Trauer wird fassbar. Dazu tragen auch Rückblenden auf die ersten gemeinsamen Jahre des Paares bei oder auch Verweise auf kleine Rituale, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Bei aller Tragik haben sich diese ersten Kapitel einfach wunderbar gelesen; auch die wiederkehrenden Träume mit ihrem bedrohlichen Unterton sind eindrücklich und auch ein wenig gruselig. Man weiß: Sobald Mike seinen Fuß in das Haus am See setzt, werden Ereignisse in Gang gesetzt, die nicht von dieser Welt sind. Und so ist es dann auch – Mike hört Stimmen (die er zunächst rational zu erklären versucht), spürt eine Präsenz im Haus und findet verworrene Nachrichten, die mit Hilfe von Magneten auf seinem Kühlschrank gebildet wurden. Das sind an sich die besten Voraussetzungen für eine gruselige, Gänsehaut erzeugende Geschichte. Nur: Diese Geschichte funktioniert nicht immer. Und das hat mehrere Gründe.

Wir brauchen mehr Handlungsstränge!

Da wäre zum einen eine Vielzahl von Handlungssträngen, die King am Ende zwar zu einem Ganzen verwebt, die aber nicht immer zusammenpassen wollen und oft gezwungen wirken. Als da wären:

  • Johannas Tod, ihre heimlichen Besuche am See, ihre Nachforschungen – was hatte sie zu verbergen, was hat sie herausgefunden? King schreibt hier eine wunderbare Liebesgeschichte, die über den Tod hinausgeht; es hätte vollauf gereicht, hätte er es dabei belassen.
  • Mikes Schreibblockade inklusive Panikattacken, Seitenhieben auf die Verlagsbranche und Einblicken in das Leben eines Schriftstellers
  • Mattie und Kyra – eine junge Frau und ihre dreijährige Tochter werden vom Schwiegervater der jungen Frau bedroht, er will unbedingt das Sorgerecht für die kleine Kyra an sich reißen und scheut vor keinem Mittel zurück. Mike wird in diese Angelegenheit hineingezogen bzw. entschließt sich dazu, der jungen Frau zu helfen. Und natürlich verliebt er sich in sie – dass sie seine Tochter sein könnte, ist nebensächlich.
  • Sara Tidwell, namensgebend für das Sommerhaus am See, vor knapp 100 Jahren eine gefeierte Sängerin in der Gegend. Es gibt von ihr keine Schallplatte, ihre Lieder leben aber weiter fort und Mike ist aus nicht näher erklärten Gründen völlig fasziniert von der Frau.
  • Morde an Kleinkindern
  • jede Menge Geister und übernatürliche Phänomene

Das ist etwas zu viel des Guten, zumal King darauf verzichtet hat, die einzelnen Handlungsstränge zu straffen und/oder so aufzulösen, dass man beim Lesen nicht unweigerlich an einen Deus ex machina denken muss. Der alte fiese Großvater ist im Weg? Kein Problem, Mr. King weiß eine Lösung, die speziell im Hinblick auf diesen Charakter dermaßen unglaubwürdig ist, dass ich zunächst angenommen hatte, die “Lösung” sei aufgrund übernatürlicher Einflüsse zustande gekommen. Denkste.

Ungereimtheiten, Unklarheiten, unlogisches Verhalten

Schräg ist auch die Faszination Mikes im Hinblick auf Sara Tidwell. Dass das Haus nach ihr benannt ist und sie vor fast 100 Jahren eine lokale Berühmtheit war, reicht mir persönlich als Motivation nicht aus. Dass ihre Geschichte ausschlaggebend für den Verlauf und vor allem das Ende des Romans sein wird, war ebenso absehbar wie – zumindest in Grundzügen – das, was ihr zugestoßen ist. Überraschungseffekt: nada. Dass Saras Geist herumspukt: jo eh, das war irgendwie von Anfang an klar, und dass ihr Geist nicht unbedingt freundlich ist, war auch logisch. Insofern gab’s in dieser Storyline nicht wirklich was Überraschendes, wobei King die Rückblenden auf Saras Vergangenheit bzw. ihr Schicksal wieder sehr gut gelungen sind.

Apropos Geister: Von denen gibt’s mir eindeutig zu viele, noch dazu sind sie allesamt identifizerbar, und das macht das Ganze einfach ungruselig. Hat Mike es zunächst noch mit zwei, drei Geistern zu tun, steht er am Ende einem ganzen Rudel gegenüber. Da hat sich zumindest bei mir kein Grusel eingestellt, sondern eine Mischung aus “Jo eh” und “Geh bitte, muss das sein, jetzt komm endlich zum Punkt”. Es war einfach… sinnlos, zumal besagtes Geisterrudel sowieso keinen Einfluss auf den Showdown hatte. Ach ja, der Showdown. Derer gibt es gleich zwei, selbstredend findet das Ganze bei einem unglaublich heftigen Sturm samt umfallender Bäume, Blitz, Donner, Regen und Hagel statt. Der Ausgang ist in beiden Fällen vorhersehbar, es fehlt einfach die Spannung. Und ganz ehrlich: Die Art und Weise, wie Mike das Problem mit Sara gelöst hat, war ziemlich billig. Wie King den Konflikt “Älterer Mann liebt blutjunge Frau” gelöst hat, war ebenfalls nicht grade schön, wenn auch notwendig.

Ich mach mir die Welt, widde-widde-wie sie mir gefällt

An manchen Stellen wirkt der Roman furchtbar konstruiert. Ich hatte wiederholt das Gefühl, als habe King sich nicht zwischen Geisterroman, Liebesgeschichte und Justizthriller entscheiden können und kurzerhand alles zusammengemixt. Der Spuk wirkte mitunter ziemlich aufgesetzt, nach dem Motto “Ups, das Haus ist ja irgendwie verflucht, dann sollte Mike doch auch unheimliche Geräusche hören”. Überhaupt gerät das Haus im Lauf des Buches immer mehr in den Hintergrund, obwohl es ursprünglich sowas wie das Epizentrum des Spuks war. Der kann sich aber frisch-fröhlich über die gesamte Stadt ausbreiten und deren Bewohner terrorisieren. Ja, wenn Mr. King meint…

Netter Durchschnitt

In Summe ist der Roman trotz seines Umfangs und einiger Längen durchaus unterhaltsam, wird aber dem Anspruch, sowas wie ein Tribut an Rebecca zu sein, am Ende nicht gerecht (das “Manderley-Thema” spielt in der zweiten Hälfte so gut wie keine Rolle mehr), und das ist jammerschade. Ebenso schade ist, dass die meisten Charaktere blass und langweilig bleiben, speziell Nebenfiguren, und dass die Schicksale einiger Figuren nicht mehr aufgelöst werden. Das kann King besser. Er selbst hat Bag of Bones angeblich einmal als seinen besten Roman bezeichnet. Sorry, aber dem kann ich nicht zustimmen. Wenn man mir eine Geistergeschichte verspricht, will ich mich bitte auch gruseln, wenn möglich, an mehr als einer Stelle. In dieser Hinsicht schwächelt der Roman gewaltig, während die Liebesgeschichte Mike – Jo wunderbar gelungen ist. Fazit: netter Durchschnitt, mehr aber leider nicht.

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