Sylvia Plath – The Bell Jar (1963)

Zeit für etwas Anspruchsvolles: Sylvia Plaths einziger Roman The Bell Jar hat es in sich, und ich muss zugeben, dass ich dem Buch sehr zwiegespalten gegenüberstehe. Das liegt hauptsächlich daran, dass Ich-Erzählerin Esther bei allem, was ihr passiert ist, seltsam emotionslos und distanziert rüberkam – es war unglaublich schwierig, sowas wie Sympathie für sie zu entwickeln. Ich denke, das funktioniert am ehesten, wenn man sie stellvertretend für alle Menschen sieht, die von Depressionen geplagt werden und/oder Selbstmordversuche hinter sich haben, mit der Oberflächlichkeit der Welt nicht zurechtkommen und noch nach ihrem Platz im Leben suchen – eine Art Galionsfigur, wenn man so will. Dennoch ist es schwierig, sich ihr zu nähern, zumal sie an manchen Stellen leicht überreagiert, etwa, als sie herausfindet, dass ihre Jugendliebe schon mal Sex mit einer anderen Frau hatte – prompt erlischt ihre Liebe zu ihm, sie hält ihn für einen Heuchler und will ihn nicht mehr heiraten. Dabei spielt wohl weniger der Umstand eine Rolle, dass er schon einmal Sex hatte als vielmehr die Tatsache, dass von ihr als Frau in den 1950er Jahren erwartet wird, trotz eines abgeschlossenen Studiums die Rolle einer Hausfrau und Mutter einzunehmen. Jobtechnisch kann sie sich maximal auf den Posten einer Sekretärin für einen superwichtigen Mann freuen. Hurra. Das sind Prämissen, die man sich heutzutage nur noch schwer vorstellen kann und die man beim Lesen immer im Hinterkopf behalten sollte.

Der Roman arbeitet also auf mehreren Ebenen bzw. bedient mehrere Kritikpunkte, die fließend ineinander übergehen und die zum Großteil den Zustand der Protagonistin überhaupt erst versuchen. Da wären die hoch gesteckten Erwartungen an das Praktikum in New York, das sich aber als Reinfall entpuppt; die Glitzerwelt New Yorks, die nur aus Partys und Alkohol zu bestehen scheint und mit der Esther so gar nichts anfangen kann; ihre eigenen Ambitionen, was das Schreiben angeht; gesellschaftliche Erwartungen an eine Frau, die trotz bester Ausbildung in die Rolle einer Hausfrau und Mutter gedrängt wird; der Umgang mit psychisch kranken Menschen und die “Behandlung” – all das verwebt Plath zu einem nicht immer leicht verdaulichen und schon gar nicht unterhaltsamen Cocktail. Die titelgebende Glasglocke umschließt Esther und nimmt ihr jede Bewegungsfreiheit; erst mit Hilfe einer mehrmonatigen Therapie gelingt es ihr, sich wieder mehr Freiraum zu verschaffen, und am Ende hat man das Gefühl: Es geht aufwärts und sie findet ihren Platz im Leben.

Der Roman ist stark autobiographisch angehaucht, was das Ganze noch intensiver macht. Der Selbstmordversuch Esthers – Plath hat ihn genauso selbst ausgeführt. Das enttäuschende Praktikum – Plath hatte das auch hinter sich. Die Ablehnung ihrer Bewerbung für einen bestimmten Schreibkurs – auch das haben Esther und Plath gemeinsam. Die Elektroschocks, die Zwänge der Gesellschaft – die Parallelen lassen sich nahezu endlos weiterführen. Im Unterschied zu Plath dürfte Esther am Ende aber ihren Platz finden, der offene Schluss klingt zumindest für mich durchaus positiv. Und so schwierig es auch ist, sich dieser Figur zu nähern – man wünscht ihr beim Lesen einfach, dass es für sie besser ausgeht als für die Autorin, die sich mit grade mal 30 Jahren umgebracht hat.

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