Terry Pratchett – Unseen Academicals (2009)

Sir Terry Pratchett gehört unbestritten zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Meine erste Begegnung mit seiner wichtigsten Schöpfung, der Discworld, hatte ich in den 1990er Jahren, als einer meiner Freunde sich von einem Kommilitonen das Computerspiel Discworld 2 ausgeliehen hatte. Wir haben damals versucht, das Spiel zu zocken, aber da wir beide äußerst unerfahren im Adventuregenre waren und Discworld 2 nicht unbedingt zu den einfachen Vertretern des Genres gehört, sind wir nicht wahnsinnig weit gekommen. Im Gespräch mit einem anderen Freund bin ich damals draufgekommen, dass es Bücher gibt, auf denen dieses Spiel basiert. Mein erster Discworld-Roman war Einfach zauberhaft (im Original: Interesting Times) – und ich fand ihn furchtbar öde, was ich bis heute der Übersetzung zuschreibe. Einige Jahre später habe ich dann erstmals einen Pratchett auf Englisch gelesen, ich glaube, es war Soul Music – und ab da war’s um mich geschehen. Es gab Zeiten, da habe ich drei Discworld-Romane hintereinander gelesen, ohne dass mir fad geworden wäre und ohne dass eine Übersättigung eingetreten wäre. Mein absoluter Liebling ist bis heute Small Gods, gefolgt von allen Romanen, in denen die Hexen auftauchen. Was ich an Pratchett immer sehr geschätzt habe, sind sein britischer Humor, die feine Klinge, mit der er Popkultur auf die Schippe nimmt, die wunderbaren Figuren, die er erschaffen hat (wer, bitte, kommt schon auf die Idee, einen Orang-Utan zum Bibliothekar einer Universität zu machen?), die schrägen Welten… kurz, ich liebe die Discworld-Romane und habe einen Großteil davon gelesen. Nicht alle sind herausragend, der Großteil ist jedoch sehr unterhaltsam, und selbst die durchschnittlichen Bücher sind absolut lesenswert. Tragischerweise ist Pratchett bekanntlich an Alzheimer erkrankt, und es scheint, dass er seit der Diagnose im Jahr 2007 noch produktiver ist als zuvor. Das ist insofern wunderbar, als seine Fans so noch länger in den Genuss seiner Prosa kommen. Allerdings lässt Meister Pratchett langsam etwas nach, und ich bin mir nicht sicher, dass das unbedingt an Alzheimer liegt – der Mann hat immerhin knapp 40 Discworld-Romane geschrieben. Dass ihm irgendwann die Ideen ausgehen und/oder die Bücher nicht mehr ganz so unterhaltsam ausfallen wie zu Beginn der Reihe – nun ja, das hätte auch ohne Alzheimer passieren können.

Aktuell lese ich Unseen Academicals, und ich habe so meine Probleme mit dem Buch. Das liegt in erster Linie an den vielen verschiedenen Handlungssträngen, die nicht so recht zusammenpassen wollen. Da geht es um Fußball, das von Lord Vetinari in geregelte Bahnen gelenkt werden soll. Die Zauberer der Unseen University müssen an einem Match teilnehmen, um ihre Finanzen zu sichern – und das ist absolut notwendig, da es sonst keine Käseplatten und sonstige Leckereien mehr gibt. Dem muss unbedingt vorgebeugt werden, klar. Daneben werden neue Figuren eingeführt, die zwar irgendwie interessant, gleichzeitig aber flach bleiben – Mr. Nutt, der Goblin, ist ultragescheit, was ab spätestens der Hälfte des Buches etwas zu nerven beginnt; Glenda, Köchin in der Universität, ist das, was man “patent” nennt, während ihre Kollegin Juliet zwar bildschön ist, aber nichts im Kopf hat. Und dann wäre da noch Trev, Sohn eines berühmten Fußballspielers, der zwar selber gern zu Spielen geht, mit dem Vermächtnis seines Vaters aber um Himmels willen nichts zu tun haben will. Als ich mit dem Buch begonnen habe, war ich der Meinung, es ginge hauptsächlich um Fußball (und das liegt mir nicht, aber hey, es ist Pratchett). Weit gefehlt. Pratchett verarbeitet Seitenhiebe auf die Haute Couture, die nicht so recht hineinpassen wollen, lässt einen Konflikt zwischen Erzkanzler Ridcully und dem früheren Dekan (der inzwischen selbst Erzkanzler einer anderen Universität ist) einfließen und baut so nebenbei die Geschichte um Mr. Nutt ein. Lieb gewonnene Charaktere wie Rincewind (der mittlerweile Professor ist) oder Sam Vimes tauchen nur am Rande auf, andere Figuren wirken etwas blutleer (und das, obwohl – noch-  keine Vampire vorkommen, aber wer weiß). Kurz: Der Roman wirkt etwas unrund. Und ich habe noch nie so lange für einen Discworld-Roman gebraucht wie für diesen. Die früheren Bücher habe ich in ein bis zwei Tagen verschlungen. An Unseen Academicals lese ich seit zwei Wochen – einfach, weil etwas fehlt. Es zündet nicht. Es plätschert so vor sich hin, die unterschiedlichen Handlungsstränge tauchen immer wieder mal auf, ein roter Faden ist aber nach der Hälfte des Buches noch nicht wirklich erkennbar. Die Kurzweil fehlt, die in früheren Discworld-Romanen so dominant war. Ich erwarte ja keinen Slapstick, bei Gott nicht, aber wenn ich pro Tag nur fünf Seiten schaffe, dann stimmt was nicht – entweder mit mir oder mit dem Buch.

Was das Buch allerdings geschafft hat: Es hat mich dazu animiert, Discworld 2 mal wieder rauszukramen und zu spielen. Das macht Spaß, das ist der Discworld-Spirit, wie ich ihn aus den ersten Bänden kenne. Ich hoffe ja inständig, dass Unseen Academicals noch besser und lustiger wird, befürchte aber, dass hier einer der fadesten Discworld-Romane aller Zeiten vorliegt. Natürlich ist das Ansichtssache, gar keine Frage, und ich werde selbstredend die übrigen neueren Romane ebenfalls lesen. Schließlich hat jeder Autor das Recht auf einen Flop. Auch ein Terry Pratchett kann nicht immer perfekt sein – und um ganz ehrlich zu sein, ich fand schon The Last Continent etwas langweilig. Und das war vor Alzheimer. Insofern gehe ich einfach mal davon aus, dass die Fadesse und Banalität, die Unseen Academicals durchziehen, nicht so sehr der Krankheit als vielmehr einem Schaffenstief des Meisters zuzuschreiben sind. Dem Vernehmen nach sollen ja die nachfolgenden Werke wieder besser sein. Wir werden sehen. Sobald ich mit Unseen Academicals fertig bin, werde ich mich Snuff widmen, in der Hoffnung, dass Pratchett in diesem Buch trotz Krankheit wieder zu alter Größe zurückgefunden hat. Und eines muss ich an dieser Stelle nochmals betonen: Selbst der langweiligste Discworld-Roman ist besser als gar keiner, und das, was ich hier an Kritik äußere, ist letzten Endes Jammern auf sehr hohem Niveau.

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