Bret Easton Ellis – Imperial Bedrooms (2010)

Die Ausgangssituation: Ein junger Autor landet mit grade mal 21 Jahren seinen ersten Hit, indem er über verkorkste, verwöhnte, reiche, amoralische Jugendliche in Los Angeles schreibt. In der Folge steigt der Autor, nicht zuletzt aufgrund eines höchst kontroversiellen Buches, in die A-Liga auf. 25 Jahre nach Erscheinen seines Debüts beschließt der Autor, eine Fortsetzung zu schreiben und die Charaktere, die damals 18 Jahre alt waren, wieder auftreten zu lassen. Herausgekommen ist Imperial Bedrooms, das an die Handlung von Bret Easton Ellis’ (BEE) Erstling Less Than Zero anknüpft – nur, dass die Charaktere mittlerweile 25 Jahre älter sind. Klingt gut, könnte man meinen – erst recht, wenn man Bret Easton Ellis mag und alle seine Bücher gelesen hat. Nun ja. Bisher mochte ich wirklich jedes Buch von BEE, sogar das bisweilen mühsame und anstrengende Glamorama und das etwas seltsame The Informers. Jedes dieser Bücher hatte seine Qualitäten, hat es über weite Strecken geschafft, mich zu unterhalten bzw. zum Nachdenken zu bringen.  Mein Exemplar von American Psycho ist übersät mit Post-Its, und selten habe ich mir über ein Buch derart viele Gedanken gemacht wie über dieses. Kurz: BEE hat es bislang immer hingekriegt, dass ich seinen Büchern etwas abgewinnen konnte. Ihr ahnt sicher schon, worauf ich hinaus will und ihr liegt richtig: Bei Imperial Bedrooms ist alles ganz anders. Tatsächlich liegt hier das erste Buch von BEE vor mir, mit dem ich so gar nichts anfangen kann und das mich regelrecht ankotzt. Es ärgert mich, und das einzig Positive, was ich über dieses Buch sagen kann: Es ist mit nicht einmal 180 Seiten sehr kurz und liest sich dank größerer Durchschüsse zwischen den einzelnen Absätzen sehr schnell. Das war’s dann aber auch schon.

Worum geht’s? Clay, Hauptfigur von Less Than Zero, ist mittlerweile Anfang/Mitte 40, Drehbuchautor und mehr oder weniger erfolgreich. Er pendelt zwischen New York und Los Angeles, hat mehr oder weniger gute Kontakte zur Filmbranche, hüpft von einer Party zur anderen und benimmt sich noch immer wie der 18-jährige Teenager, der er mal war. Dank des Reichtums seiner Familie kann er recht luxuriös leben (wirklich erfolgreich scheint er nicht zu sein), einen Lebensinhalt hat er allerdings nicht. Als er nach L.A. zurückkehrt, trifft er auf seine alte Clique – seine Ex Blair, die mittlerweile mit seinem Kumpel Trent verheiratet ist (und nicht sonderlich glücklich zu sein scheint), seinen Freund Julian, der vor 25 Jahren noch mit heftigen Drogenproblemen zu kämpfen hatte, und auf seinen Freund Rip, der dank diverser Schönheitsoperationen nur noch eine Karikatur seiner selbst ist. Blair will nicht wirklich was mit Clay zu tun haben, Trent ebensowenig, Julian scheint neben der Spur, und Rip ist einfach nur creepy. Ein weiterer Kumpel, Kelly, verschwindet spurlos, nur um dann als Leiche wieder aufzutauchen. Clay selbst scheint keinen Bezug mehr zu seinen Freunden zu haben, sondern besäuft sich ununterbrochen, fühlt sich verfolgt (was wäre ein BEE-Roman ohne eine ordentliche Prise Paranoia!) und zieht bei einer jungen Möchtegern-Schauspielerin die alte Masche durch: “Baby, wenn du tust, was ich will, verschaffe ich dir eine Rolle in meinem nächsten Film.”

Das klingt auf den ersten Blick nach einem richtig guten Roman – und Imperial Bedrooms könnte auch großartig sein, wäre da nicht eine Kleinigkeit: BEE hat diese Motive in seinen früheren Romanen bis zum Erbrechen verwurstet. Es ist die alte Leier – Mann ohne Lebensinhalt führt sich auf, trinkt zu viel und/oder nimmt zu viele Drogen, hat es auf (jüngere) Frauen abgesehen, kann keine richtigen zwischenmenschlichen Bindungen eingehen, fühlt sich permanent verfolgt und löst Probleme kurzerhand mit Gewalt. Das nervt, und zwar gewaltig. Man hat den Eindruck, dass BEE nichts Neues mehr einfällt. Die Charaktere haben sich nicht oder kaum weiterentwickelt – bestenfalls Blair und Julian können vielleicht von sich behaupten, halbwegs erwachsen geworden zu sein. Der Rest ist noch immer der amoralische, dekadente Haufen wie in den 1980er Jahren. Das ist ermüdend, das ist nicht spannend. Dazu kommt der mittlerweile eintönige Schreibstil des Meisters – elendslange Sätze, die durch eine Fülle von “and”s verbunden werden. Das hat früher funktioniert, klappt in diesem Roman aber überhaupt nicht mehr. Wo früher eine gewisse Atemlosigkeit und Gehetztheit herrschte, ist jetzt nur noch Langeweile.

Dazu gesellen sich Ungereimtheiten. So erhält Clay permanent Textnachrichten von einer anonymen Nummer, auf die er aber paradoxerweise antworten kann. Ja klar. Ich weiß ja nicht, wie das in den USA ist, aber hierzulande kann man mit einer unterdrückten Telefonnummer genau gar nichts anfangen – weder zurückrufen noch eine SMS schreiben. Bei BEE geht das, wohl, weil es für die Handlung notwendig ist, die im Übrigen relativ belanglos ist. Ja, da gibt es Gesellschaftskritik an den Reichen und Schönen, aber das hat BEE schon zigmal durchgekaut. Die Dialoge sind teilweise zum Erbrechen schlimm. Da wird Clay von einem anderen Charakter nahegelegt, er möge sich raushalten – woraus, wird nicht erklärt, und sowohl Leser als auch Clay stehen mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf da und haben keine Ahnung, was das nun soll. Clays Therapeut will nicht mehr mit ihm arbeiten, weil er sich mit Rain Turner eingelassen hat, die in Wirklichkeit anders heißt. Auf Clays Frage, warum der Therapeut die Therapie abbrechen will, kommt nur ein vages “Halt dich da raus”-Gebrabbel, das nicht unbedingt hilfreich ist. Dazu kommt Gelaber à la “Nicht alles dreht sich um dich”. Ah ja.

Erst gegen Ende des Buches entwirren sich die Fäden zumindest ein wenig: Rain, die unbedingt in Clays neuem Film mitspielen möchte, hat sowohl ein Gspusi mit Julian (den sie offenbar sehr mag) als auch mit Rip (der völlig durchgeknallt ist) und natürlich mit Clay – mit Letzterem aber nur, weil sie sich dadurch eine Rolle in diesem bekloppten Film erhofft, für den er das Drehbuch geschrieben hat und den er mitproduziert. Das weiß er, und das ignoriert er gekonnt. Anstatt die Sache hinzunehmen wie ein Mann (“Na gut, dann puder ich die Frau halt, weil sie eine Rolle will, pfeif drauf, mit wem die noch was hat, ich will sie eh nicht heiraten”), konzentriert sich Clays Hass urplötzlich auf Julian, was nicht zuletzt die Schuld von Rip ist. Ja, und wie entledigen wir uns eines Problems in einem BEE-Roman? Richtig: Wir verfrachten den unliebsamen Charakter – in dem Fall Julian – in ein Auto, bringen ihn irgendwo hin, wo er verschleppt wird, fahren wieder nach Hause und vergewaltigen die Freundin des besagten Charakters. Die lässt sich das gefallen, denn immerhin steht ja ihr Star-Dasein auf dem Spiel. Yeah right. Noch schlimmer: Es wird von Anfang an klar gestellt, dass Julian sterben wird. Insofern ist seine Verschleppung und anschließende Ermordung keine Überraschung.

Kurz und gut: Dieses Buch ist ein Ärgernis. Ich mag Bret Easton Ellis sehr, aber er fängt an, sich zu wiederholen. Es wird Zeit, dass er sich mal was Neues einfallen lässt. Die immer gleiche Geschichte von reichen, verwöhnten, innerlich leeren Menschen ist abgelutscht und langweilig. Was mich am meisten irritiert: Zum ersten Mal wünsche ich mir, dass der Hauptcharakter in einem BEE-Roman bitte sterben möge. Das ist mir nicht mal bei Patrick Bateman passiert, und das ist der krankste Charakter, der mir jemals untergekommen ist.

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2 Responses to Bret Easton Ellis – Imperial Bedrooms (2010)

  1. Ich hab das Teil kurz nachdem es rauskam gelesen, aber ich kann mich kaum mehr dran erinnern, was jetzt nicht unbedingt dafür spricht… Aber ich weiß noch, dass ich das ganze Werk ziemlich wirr fand. Die Masche zieht halt nicht mehr so, wird meiner Meinung nach Zeit, dass Herr BEE mal was neues probiert…

  2. Sumbu says:

    Ja. Und wenn ihm nix Neues mehr einfällt, sollte er vielleicht drüber nachdenken in Rente zu gehen 🙂 Noch wirrer fand ich btw “The Informers”, aber da kamen wenigstens Vampire vor xD

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