Sind Bücher überholt?

Im “Standard” wurde dieser Tage ein spannender Artikel von Karl-Markus Gauß zur Bedeutung des Lesens veröffentlicht, der im Forum eine Fülle von Reaktionen hervorgerufen hat. Eine ist mir besonders ins Auge gestochen: Ein User ist der Ansicht, dass Bücher ein antiquiertes Medium darstellen; dass das Lesen eine veraltete Form der Kommunikation und bestenfalls noch für Gehörlose von Nutzen ist, dass der Film dem Buch als Medium haushoch überlegen ist. Die Meinung sei ihm unbenommen, gar keine Frage, aber wie resistent dieser Mensch gegen Argumente ist, die beispielsweise schlüssig widerlegen, dass Film und Bücher konkurrierende Medien sind, ist schon beachtlich. Gleichzeitig hat der User eine immer wieder diskutierte Frage aufgeworfen: Sind Bücher überholt? Wird es in Zukunft noch Bücher geben?

Ich denke, Bücher werden nie völlig “aussterben”. Man muss sich nur mal in den öffentlichen Verkehrsmitteln umsehen oder in den Buchhandlungen. Ja, der Buchhandel hat schon bessere Zeiten gesehen, aber von einem Untergang ist die Branche weit entfernt. Die “Buch Wien” wird jährlich regelrecht gestürmt, das Interesse am gedruckten Wort ist nach wie vor hoch. Daneben existieren die so genannten “neuen Medien”, denen der oben zitierte Standard-User den Vorzug vor allem Gedruckten geben würde. Dass es sich nicht um die Frage “Entweder – oder” handelt, sondern sowohl analoge als auch digitale Medien problemlos nebeneinander bestehen können, hat er (oder sie) offenbar nicht verstanden. Nur, weil ich einen Kindle habe, höre ich deswegen ja noch lange nicht auf, “richtige” Bücher zu lesen – ich wähle allerdings sorgfältiger aus und kaufe nicht mehr jedes Buch, das mir spannend erscheint, nicht zuletzt aus Platzgründen. Umgekehrt halte ich es für kontraproduktiv, sich einem neuen Trägermedium völlig zu verschließen – ein eBook-Reader hat enorme Vorteile, und auch hier würde ich die Platzersparnis in den Regalen ganz zuoberst reihen.

Warum Bücher nie völlig von der Bildfläche verschwinden werden, hat einen simplen Grund: Leidenschaftliche Leser verbinden mit einem Buch mehr als nur den gedruckten Text. Zum Leseerlebnis gehören die Haptik des Buches, der Geruch der Seiten, die Gestaltung des Einbandes, das Umblättern, das Schmökern beim Umräumen im Regal oder nach einem Umzug, das Immer-wieder-Lesen, das langsame  Sich-Auflösen des Lieblingsbuches, die Knicke speziell am Rücken eines oft gelesenen Taschenbuches und nicht zuletzt die Geschichte eines Buches, das unter Umständen einen Vorbesitzer hatte oder das einem samt Widmung als Geschenk verehrt wurde. Das sind Dinge, die ein eBook nicht oder nur sehr begrenzt leisten kann.

Auch die These, dass Bücher dem Medium Film unterlegen sind, kann leicht widerlegt werden – schlicht und ergreifend deshalb, weil es sich um zwei völlig unterschiedliche Medien handelt, die nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Ein Buch kann Empfindungen, Gefühle, innere Konflikte etc. tausendmal besser transportieren als ein Film, der sich vor allem auf Schauwerte konzentriert, während ein Buch viel stärker deskriptiv arbeitet und dem Rezipienten nicht alles quasi vorkaut. Nehmen wir z.B. Der Herr der Ringe. Beim Lesen hatte ich eine ganz genaue Vorstellung davon, wie Mittelerde aussehen sollte, wie ein Hobbit aussieht, wie Gandalf aussieht; ich hatte meine eigenen Versionen von Aragorn, Legolas und Galadriel im Kopf. Als dann die ersten Bilder der Verfilmung von Peter Jackson auftauchten, war ich anfangs etwas irritiert – Legolas hatte ich mir beispielsweise ganz anders vorgestellt, Galadriel detto. Mittlerweile haben die Bilder aus dem Film meine eigenen Vorstellungen verdrängt, und würde ich die Trilogie erneut lesen, hätte ich zweifellos die filmische Umsetzung im Kopf. Alleine das belegt, dass ein Film und ein Buch nicht dasselbe sind – und auch nicht sein können. Einen Film kann ich meistens ohne große Anstrengung rezipieren (je nach Anspruch), da er mir ja alles auf dem Silbertablett serviert und selbst komplexe Filme nicht immer davor zurückscheuen, eine Erklärung für das Gesehene zu liefern – für den Fall, dass man als Zuschauer zu dumm war, das Ganze zu kapieren. Bei einem Buch ist meistens – ebenfalls je nach Anspruch – mehr intellektuelle Leistung notwendig, allein schon, was den Wortschatz, die Sprachkompetenz und die Fähigkeit des Sinn erfassenden Lesens betrifft. Die Behauptung, ein Film könne innere Konflikte und Gefühle besser darstellen als ein Buch – nun ja, das halte ich für überzogen. So gelungen beispielsweise die Verfilmungen von Schlafes Bruder und Das Parfum sind – in beiden Fällen haben die Büchern den Filmen einiges voraus, da sie es dem Rezipienten erlauben, noch viel tiefer in die jeweilige Gefühlswelt der Protagonisten einzutauchen. Alleine die Beschreibung der unzähligen Gerüche und die Emotionen, die diese Gerüche im Protagonisten von Das Parfum ausgelöst haben, ist dem Film, so gut er auch ist, meilenweit überlegen.

Bücher werden immer ein Teil des menschlichen Lebens sein. Sie sind ein Kulturgut, das man nutzen kann oder nicht, das man aber auf jeden Fall bewahren sollte. Denn kein Film, kein Computer und kein modernes Medium kommt letzten Endes an ein gutes Buch heran, das einen eine Reise in die eigene Phantasie unternehmen lässt.

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