Thornton Wilder – Dem Himmel bin ich auserkoren (1935)

Der Stapel ungelesener Bücher muss endlich kleiner werden, also habe ich mir kürzlich mal Thornton Wilder vorgenommen. Sein Roman Dem Himmel bin ich auserkoren lässt sich mit einem Wort eigentlich ganz gut beschreiben: liebenswert. Wilders Held, der gerade einmal 23 Jahre alte George M. Brush, ist eigentlich Vertreter für Schulbücher, gleichzeitig aber auch davon beseelt, seine Mitmenschen glücklich zu machen, ihnen seine Ideen unterzubreiten und seinen Glauben mit ihnen zu teilen. Das klingt auf den ersten Blick nach einer nervtötenden Figur, richtig? Falsch! Brush ist eine der liebenswertesten Romanfiguren, die mir bislang untergekommen sind. Er ist verschroben, hat schräge Ideen (Banken leben seiner Ansicht nach von der Angst der Menschen vor der Zukunft, und weil die Menschen Angst vor der Zukunft haben, sparen sie Geld), eckt überall an, ist grundehrlich, wird von vielen Figuren gehasst und mehrfach verhaftet, obwohl er immer nur Gutes will. Das kann auch schon mal bedeuten, dass er einem Räuber in einem Kurzwarenladen erzählt, wo die Inhaberin das Geld versteckt hat – der arme Räuber braucht das Geld schließlich dringender als sonst jemand, und außerdem will Brush der Inhaberin den Schaden ohnehin ersetzen, wozu also die ganze Aufregung?

So geht das in einer Tour, und man kann eigentlich gar nicht anders als diesen schrägen Vogel gern zu haben. Er will ja eigentlich nur alles richtig machen, sich an die zehn Gebote halten und die Farmerstochter heiraten, mit der er blöderweise in einem Moment der Schwäche Unzucht getrieben hat. Seiner Logik zufolge macht sie das automatisch zu seiner Frau, ihrer Logik nach – und der ihrer Familie – ist sie entehrt. Kein Problem: Wenn sie Brush heiratet, was ihm zufolge sowieso vorherbestimmt ist, ist ihre Ehre wieder hergestellt und die beiden können, gemeinsam mit der kleinen Tochter von Brushs verstorbenem Freund Herb, ein typisch amerikanisches Heim aufbauen.

Der Roman umfasst eine Zeitspanne von gut einem Jahr und ist in der Zeit der Wirtschaftskrise angesiedelt, was auch immer wieder durchscheint, meist, weil Charaktere darüber sprechen und ihre Sorge kund tun. Brush ficht das alles nicht an. Er verdient zwar Geld, glaubt aber nicht an Banken und an Zinsen schon gar nicht. Das, was ihm am Monatsende übrig bleibt, verschenkt er, weil er es ja sowieso nicht braucht. Kommt ihm jemand blödoder droht ihm Gewalt an, reagiert er üblicherweise mit “Ich bin Pazifist, ich schlage Sie sicher nicht”.

Gegen Ende des Buches macht Brush eine nachvollziehbare Wandlung bzw. schwere Sinnkrise durch, die jedoch nicht von Dauer ist. Im Grunde ist das ein Protagonist, der all das Hässliche der Welt sieht und diesem mit nahezu unerschütterlichem Optimismus und Glauben begegnet – man könnte auch sagen, er hat eine Mission. Er will diese hässliche Welt zu einem besseren Ort machen, er hat den Idealismus, den viele von uns in ihren 20ern auch hatten und man denkt sich beim Lesen “Jö, schön… bleib, wie du bist. Bewahr dir deinen Idealismus und deine Naivität”. Wie gesagt: ein durch und durch liebenswertes Buch.

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