Stephen King – Doctor Sleep (2013)

Mit Shining landete Stephen King im Jahr 1977 einen Welterfolg; 36 Jahre später liegt nun die Fortsetzung vor, in deren Mittelpunkt der erwachsene Danny Torrance steht. Ehe ich näher auf das Buch eingehe, möchte ich eine Spoiler-Warnung aussprechen. Es gibt viele Aspekte, die ich gut fand, aber noch mehr, die mir überhaupt nicht gefallen haben, und die würde ich gerne ansprechen. Das geht aber nicht ohne massive Spoiler.

Was bisher geschah

Zu Beginn rekapituliert King die Ereignisse im Overlook-Hotel; Danny, mittlerweile acht Jahre alt, hat eine weitere Begegnung mit der Bewohnerin aus Zimmer 217 (war das echt notwendig?) und lernt von Dick Hallorann, wie man am besten mit geisterhaften Erscheinungen umgeht (man steckt sie in eine mentale Schatulle und versperrt diese). Die Jahre vergehen; Danny wird zu Dan und gleitet wie sein Vater in den Alkoholismus ab, nicht zuletzt, um sein Shining zu unterdrücken. Er jobbt mal hier, mal da, zieht von einem Ort zum nächsten und landet nach einem besonders krassen Erlebnis irgendwann in Frazier, New Hampshire, wo er nicht nur einen Job findet, sondern auch die Anonymen Alkoholiker. Seine Gabe setzt er ein, um Menschen, die im ortsansässigen Hospiz auf den Tod warten, das Sterben zu erleichtern. Dabei verfolgt ihn seine Vergangenheit nicht nur in Gestalt des Overlook, sondern auch in Gestalt einer jungen Frau, der er nach einer durchzechten Nacht und einem One-Night-Stand ihr letztes Geld gestohlen hat. Der erwachsene Dan ist ein klassischer Antiheld und um keinen Deut besser als sein Vater, Prügeleien inklusive.

Meet Abra Stone

Im Jahr 2001 wird wenige Meilen entfernt ein Mädchen geboren, das Dans Leben noch gehörig auf den Kopf stellen wird: Abra Stone, mit dem Shining gesegnet und stärker, als es Dan jemals war.Wie sich die Schicksale der beiden verbinden, wird im Lauf des Buches sehr schön, Schritt für Schritt herausgearbeitet. Abra ist King hervorragend gelungen, die Kleine rockt und hat meine ganze Sympathie. Außerdem mag sie Game of Thrones und wäre gern Daenerys Targaryen 🙂

Unnötig, unnötiger, True Knot

Ein dritter Handlungsstrang konzentriert sich auf eine Gruppe, die sich selbst “True Knot” nennt (ich musste sofort an True Blood denken), sektenhafte Züge hat und in Wohnwägen durch die USA reist – völlig unscheinbar in geschmacklose T-Shirts und Polyester gekleidet, größtenteils schon älter und eigentlich völlig harmlos. Aber jeder Roman dieses Kalibers braucht mindestens einen Bösewicht, in diesem Fall: eine ganze Gruppe. Und genau bei dieser Gruppe liegt für mich das Hauptproblem des Romans. Normalerweise kann ich Kings Bösewichten immer irgendwas Positives abgewinnen – sei es, dass sie einfach ultracool sind wie Randall Flagg oder völlig durchgeknallt wie Trashcan Man in The Stand oder der nicht minder irre Tick-Tock-Man in The Waste Lands. Irgendwas haben Kings Bösewichte normalerweise an sich, das sie zwar nicht sympathisch, aber doch irgendwie erträglich macht, und bei The Stand war ich sowieso ganz klar auf Seiten Flaggs, weil die Guten so unerträglich gut waren. Stuart und Fran sind der Inbegriff des Gutmenschentums, aber ich schweife ab. Worauf ich hinaus will: Die True Knot-Typen sind zum Kotzen. Schlicht und ergreifend zum Kotzen. Sie nervten  mich, ich habe mich durch jedes Kapitel geplagt, in dem die auftauchten, und jedes Interesse für diese Gruppe war spätestens ab der Hälfte des Buches verflogen. Nein, stimmt nicht ganz: Ich hatte ein Interesse daran, dass die alle draufgehen, einer nach dem anderen, und wenn möglich, so grausam, wie’s nur geht.

Warum ich den True Knot nicht mag

Woher kommt diese Antipathie? Anfangs fand ich sie interessant, weil sie ein etwas anderes Vampirkonzept darzustellen schienen und weil ich prinzipiell mal die Bösen nicht von Vornherein verurteile, sondern mir erst mal anschaue, worum es denen geht. Denn das ist eine der Stärken Kings: Er kann auch die Motive der Fieslinge einigermaßen nachvollziehbar darstellen (siehe Randall Flagg) und schafft es, so etwas wie Sympathie zu evozieren. Beim True Knot war das Gegenteil der Fall. Das anfängliche Interesse glitt zunächst in Langeweile ab, und spätestens ab der Hälfte des Buches hatte ich nichts als Abscheu für diese Typen übrig. Gestört haben mich vor allem folgende Punkte:

  • “Wir sind was Besseres, weil quasi unsterblich, Menschen sind doof. Was, wir waren selber mal Menschen? Egal, jetzt sind wir cooler und besser. Wir rocken.”
  • Es gibt eine Art Gebet, in dem sich die Gruppe selbst feiert; das verleiht der Truppe was Sektenhaftes und macht sie nicht unbedingt sympathischer.
  • King verabsäumt es, den Hintergrund dieser seltsamen Gruppe näher zu beleuchten. Man weiß nicht, woher sie kommen, wie sie entstanden sind und ob es noch andere von ihnen gibt. Aber ganz ehrlich: Irgendwann war mir das auch ziemlich wurscht.
  • Sie haben saublöde Namen. Echt. Ich komme noch immer nicht über diese Namen hinweg. “Rose the Hat”, “Steamhead Steve”, “Crow Daddy”, “Snakebite Andi” – sorry, das klingt nach einem Wanderzirkus. Obendrein wirken die Namen in manchen Fällen verniedlichend bzw. verharmlosend.
  • Sie fahren in Wohnmobilen durch die Lande und tragen T-Shirts mit saublöden Sprüchen drauf. Grad, dass sie sich nicht selbst als “White Trash” bezeichnen. Bedrohlichkeit einer solchen Gruppe: null. Eh klar. Wer hat schon Angst vor ältlichen Herrschaften, die in Wohnmobilen durch die Gegend tuckern?
  • Sie bringen Kinder um, die das Shining haben, und zwar, indem sie sie zu Tode foltern, weil der “Steam” (= die Essenz, die offenbar für das Shining zuständig ist) so besser wird. Je mehr Schmerzen die Kinder erleiden, umso besser der “Steam”. Bedrohung für Menschen ohne das Shining: nada. Angstfaktor: null. Im Vergleich dazu der Angstfaktor von Pennywise, dem Clown: 100, nach oben offen. Der schnupft diese True Knot-Bagage in der Pfeife, wenn ihm fad ist.
  • Sie sind arrogant und selbstgerecht, gehen für ihre Ziele über Leichen und würden nicht zögern, jeden aus dem Weg zu räumen, der sich zwischen sie und ihr nächstes Opfer stellt, also auch Menschen, die nicht über das Shining verfügen. So viel also zu einer im Web kursierenden Theorie, die seien doch gar nicht so böse.
  • King verabsäumt, herauszustreichen, welche individuellen Fähigkeiten die einzelnen Mitglieder der Truppe haben. Indem er Andrea Steiner zu einer “True” werden lässt, wird klar: Ohne besondere Fähigkeiten wird man in diesen illustren Club nicht aufgenommen. Rose kann solche Menschen über Meilen hinweg orten, Andrea Steiner kann Menschen in Tiefschlaf fallen lassen, ein paar andere Mitglieder sind im Orten von begabten Menschen auch ganz gut, eine kann sich quasi unsichtbar machen… und der Rest? Der bekommt außer dämlichen Namen nichts, was auch nur den Hauch einer Persönlichkeit hätte und ist folglich lediglich Staffage und völlig unnötig.
  • Wer welches Vehikel fährt, war zumindest mir wurscht. Die fahren in Wohnmobilen durch die Gegend. Danke, hab’s kapiert, das muss man nicht alle paar Seiten erklären.

Vieles davon lässt sich auch 1:1 auf Vampire umlegen, gar keine Frage, und irgendwie sind diese Widerlinge auch Vampire. Aber es gibt coole Vampire (Spike, anyone?) und es gibt Arschloch-Vampire. Die True Knot-Typen zählen eindeutig zu letzteren. Ihre Anführerin, Rose, bekommt wegen Kleinigkeiten einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen und ist die Arroganz in Person; ich hab schon lange keinen fiktiven Charakter mehr so gehasst wie dieses Weibsbild. Sie geht über Leichen, um die Gruppe zusammenzuhalten und das mit einer Selbstverständlichkeit, die ich widerlich finde.

Kinderkrankheit ahoi – echt jetzt?

Wie man diese Figuren auch nur ansatzweise sympathisch finden kann, wie das offenbar einige Leser tun, ist mir ein Rätsel. King hat selten unsympathischere Bösewichte geschaffen – und kaum mal welche, die so leicht zu besiegen sind. Da inhalieren sie den “Steam” eines Elfjährigen und kriegen zwei Jahre später die Masern, an denen sie reihenweise dahinsterben. Ernsthaft, Stephen? Die MASERN? Ihre einzige Hoffnung liegt nun darin, Abra in die Finger zu kriegen. Aus irgendeinem Grund glauben diese Irren nämlich, Abras “Steam” könne sie gegen die Masern immunisieren, und die blöde Rose hat sowieso eine persönliche Rechnung mit Abra offen. Abra erdreistet sich nämlich, Rose eine mentale Falle zu stellen und sie zu verletzen. Dann hat sie die Chuzpe, mit Hilfe ihres Vaters, ihres Arztes und Dans ein paar Mitglieder von Roses völlig derangierter Sekte zu töten (oder vielmehr: töten zu lassen). Damit nicht genug, via Telefon nennt sie Rose einen Feigling und fordert sie heraus. Anstatt dem Beispiel einiger True Knot-Mitglieder zu folgen und die Flucht zu ergreifen, will sich Rose selbstredend dem Showdown stellen, nur um dem Gör eine aufs Maul zu geben. Dabei macht sie denselben Fehler, den sie im Lauf des Buchs permanent begeht: Sie unterschätzt Abras Kräfte und überschätzt ihre eigenen. Dass das für sie und ihre Kumpels nicht gut ausgehen wird, kann man sich leicht ausrechnen. Auch der Ort des Showdowns ist keine große Überraschung; immerhin haben wir es hier ja mit einer Shining-Fortsetzung zu tun.

Showdown!

Will heißen: Dan und sein Arbeitskollege Billy fahren in einem alten Pickup-Truck nach Colorado, genauer gesagt zu dem Ort, an dem einst das Overlook stand. Abra versetzt sich über ihre enormen Kräfte in Dan hinein bzw. schafft es, ihren Astralkörper vor Ort zu projizieren, sodass sie gemeinsam mit Dan gegen Rose und die kläglichen Überreste ihrer Sekte antreten kann. Die Monster, die Dan als Kind in mentale Schatullen gepackt hat, lässt er jetzt frei (wobei von der Frau aus Zimmer 217 nicht mehr viel übrig ist), nebenbei hilft ihm die lethale Krebserkrankung von Abras Urgroßmutter dabei, die in einem einzigen Raum versammelten Mitglieder des “True Knot” zu besiegen. Das war… nun ja, etwas billig. Dass dann auch noch Jack Torrance in Geistergestalt auftaucht und Rose von der Aussichtsplattform schubst, war eindeutig zu viel des Guten, auch wenn ich es schön fand, dass Jack die Fehler, die er im Leben gemacht hatte, nun wieder einigermaßen ausbügeln konnte, indem er seinem Sohn und seiner Enkelin geholfen hat.

“Ich bin dein Halbbruder…”

Moment, Enkelin? Jawoll. King war es nicht zu blöd, eine Art Darth Vader-Moment einzubauen, nur dass Dan statt “Ich bin dein Vater” den nicht minder epischen Satz “Ich bin dein Halbbruder” zu Abras Mutter sagen durfte. Was sich King dabei gedacht hat – ich will’s gar nicht wissen. Das war konstruiert, aufgepropft und einfach unnötig. Die Verbindung zwischen Dan und Abra hat auch so gut funktioniert, und Abras Vater hat Dan zu diesem Zeitpunkt auch schon vertraut. Es wäre also nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Lucy, Abras Mutter, auch so weit gewesen wäre.

Vorhersehbar, aber unterhaltsames Mittelmaß

Kommen wir nun also zur Frage aller Fragen: Ist Doctor Sleep ein gutes Buch? Ja und nein. Es ist definitiv nicht von vergleichbarer Qualität wie andere King-Romane, und an Shining kommt es nicht mal ansatzweise heran. Eine beängstigende, gruselige Atmosphäre fehlt komplett; die Helden befinden sich zu keinem Zeitpunkt in wirklich ernsthafter Gefahr, und an vielen Stellen ist der Roman arg vorhersehbar. Gleichzeitig schafft es King dennoch über weite Strecken, zu unterhalten, und ich persönlich fand es nett, zu sehen, was aus Danny Torrance geworden ist, auch wenn das Alkoholiker-Thema überstrapaziert wurde und er im Grunde nicht viel interessanter ist als in Shining. Und, besonders schlimm: Er ist austauschbar.

Gut gelungen ist King die zwölfjährige Abra. Das Mädel hat nicht nur unglaubliche Kräfte, sondern auch Ecken und Kanten. An manchen Stellen ist Abra etwas zu erwachsen, reagiert so ganz und gar nicht, wie ein Teenager-Mädel das tun würde. Das hat dann was Konstruiertes, speziell die Telefonate mit Rose. Die Kleine lässt sich einfach nicht einschüchtern – einerseits, weil Dan ihr vorher erklärt hat, was sie sagen soll, andererseits wegen des berühmt-berüchtigten Torrance-Temperaments.

Kurz und gut: kann man, muss man aber nicht lesen. Wer sich einen Roman auf dem Niveau von Shining erwartet, sollte seine Erwartungshaltung runterschrauben. Dann bietet der Roman durchaus unterhaltsame Lektüre. Über gutes Mittelmaß kommt er aber leider nicht hinaus.

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