Umberto Eco – Der Friedhof in Prag (2011)

Wer anspruchsvolle, gut recherchierte historische Romane mag, wird um Umberto Eco nicht herumkommen. Mit Der Friedhof in Prag nimmt sich der Italiener das 19. Jahrhundert vor; der Fokus liegt vor allem auf historischen Ereignissen, die das Antlitz Europas nachhaltig prägen sollten. Erzählt werden die unterschiedlichen Begebenheiten größtenteils aus der Sicht des Italieners Simon Simonini, der sich Ende März 1897 daran macht, ein Tagebuch zu führen, um seiner fragmentarischen Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Sein erster Auftritt zeichnet dabei das Bild eines äußerst unsympathischen Zeitgenossen, der an allem und jedem etwas auszusetzen hat. Er mag keine Juden, er mag die Franzosen nicht, die Deutschen sowieso nicht, und von den Italienern will er auch nichts mehr wissen. Als Rassisten sieht er sich allerdings nicht; immerhin verteile sich seine Antipathie ja mehr oder weniger gleichmäßig auf so ziemlich alle Völker, so die Begründung. Ach ja, und Frauen hasst er auch, seit ihn eine junge Frau in seiner Heimat einst “Bübchen” genannt hat. Kurz: Sympathische Protagonisten sehen anders aus.

Simonini lebt in Paris und hat dank seiner Mutter französische Wurzeln. Sein Antisemitismus wurde im vom Großvater im Piemont eingeimpft, und das so nachhaltig, dass Simoninis Lebenswerk fortan darin bestehen wird, die Juden zu vernichten oder zumindest zu ihrer Vernichtung beizutragen. Er wird Jurist und entdeckt bald seine Begabung fürs Fälscherhandwerk – er kann jedes beliebige Dokument so aussehen lassen, als sei es authentisch. Seinen ersten Arbeitgeber und Förderer bringt er dank einer geschickt eingefädelten Intrige um dessen Kanzlei, die er in der Folge selbst übernimmt. Er berichtet rückblickend über die Garibaldi-Ära, wobei dieser Abschnitt äußerst mühsam zu lesen ist, da Simonini permanent die Seiten wechselt und mal für die eine, mal für die andere Seite tätig ist bzw. spioniert. Er zettelt Intrigen an, die ihm selbst zugute kommen und wird schließlich nach Paris versetzt, weil er seinen Auftraggebern (die ebenfalls permanent wechseln) dort von größerem Nutzen sein kann. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits erkannt, dass Verkleidungen ihm bei seinen Unternehmungen von großem Nutzen sein können. Er arbeitet mittlerweile für den französischen Geheimdienst und kommt rasch auf die seiner Meinung nach geniale Idee, die von ihm so gehassten Juden mittels eines gefälschten Dokuments zu diskreditieren. Der Einfall kommt ihm bei der Betrachtung eines Bildnisses des Prager Friedhofs; dorthin verpflanzt er, der mit einer gehörigen Portion Phantasie begabt ist, kurzerhand Rabbiner aus ganz Europa und lässt sie ein Komplott gegen die Christenheit aushecken. Die Arbeit an diesem Text bzw. die unterschiedlichen Versionen davon ziehen sich in der Folge durch den gesamten Roman; am Ende übernehmen die Russen die Federführung, wenige Jahre nach dem Beginn von Simoninis Tagebuch werden sie ein Dokument veröffentlichen, das als “Protokolle der Weisen von Zion” bekannt werden sollte.

Simonini wird auch in Paris in historische Ereignisse verwickelt, berichtet über die Tage der Kommune und im letzten Drittel über die Dreyfus-Affäre. Eco setzt in diesen Kapiteln sehr viel historisches Wissen voraus; vieles lässt er unerklärt, und ohne zumindest rudimentäres Hintergrundwissen ist der Roman entsprechend schwierig zu lesen. Richtig spannend waren für mich vor allem jene Kapitel, in denen es um Simonini selbst geht. Er findet in seiner Wohnung eine Soutane und eine Perücke sowie eine Tür, die in eine angrenzende Wohnung führt. Diese wird offenbar von einem Abbé bewohnt, der in der Folge Simoninis Tagebuch ergänzt und sich strikt gegen die Behauptung wehrt, er sei a) bucklig und b) tot. Die Erinnerungen des Abbé füllen jene Lücken, die sich im Gedächtnis Simoninis auftun; beide wachen immer wieder ohne Erinnerung an den vorigen Tag auf. Um die Verwirrung komplett zu machen, hat Eco eine dritte Erzählebene eingeführt, und zwar eine auktoriale, in der er als Erzähler das Ruder in die Hand nimmt und die wichtigsten Ereignisse zusammenfasst. Die drei Erzählebenen unterscheiden sich optisch durch verschiedene Schriftarten – nett, aber nicht unbedingt notwendig, da man für den Roman ohnehin ein großes Maß an Konzentration braucht.

Simonini selbst wirft an einem Punkt seines Tagebuchs die Frage auf, ob er möglicherweise an einer Persönlichkeitsspaltung leide; er bringt auch Sigmund Freud ins Spiel, der ausführlich erklären darf, wie man sich mittels Selbsthypnose von einer solchen Störung quasi heilen kann. Eco lässt seine Leser lange im Unklaren, ob Simoninis These zutrifft, und das macht die Angelegenheit sehr, sehr spannend. Und weil geschichtliche Ereignisse, rekapituliert durch einen darin verwickelten Erzähler, ja noch nicht ausreichen, wirft Eco noch die Freimaurer, die Illuminaten, die Templer und schwarze Messen mit in den Topf. Der aufkeimende Antisemitismus wird in den historischen Kontext eingebettet und von einem der Protagonisten lapidar damit erklärt, dass jedes Volk jemanden brauche, den es hassen könne; die Juden würden sich dafür am besten eignen. Einer seiner Mitarbeiter wird das später anders sehen und für die vollständige Vernichtung der Juden plädieren. Wohin das alles geführt hat, wissen wir.

Eco ist sicher kein einfach zu lesender Autor, aber er ist, wenn es um historische Romane geht, einer der Besten. Wie er in diesem Buch historische Ereignisse mit psychologischer Beobachtung verwebt, ist meisterhaft. Und er bringt das Kunststück zuwege, die Motive des unsympathischen Wendehals Simonini so darzustellen, dass man sie zumindest nachvollziehen kann. Dabei wahrt man als Leser aber immer eine gewisse Distanz zu diesem Fälscher und Intriganten, für den laut Eco mehrere historische Persönlichkeiten Pate standen. Kein einfaches Buch, aber ein sehr interessantes Werk, das bisweilen sogar komische Züge trägt. Sehr empfehlenswert.

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