Timur Vermes – Er ist wieder da (2011)

Selten habe ich so viel Mühe mit einem Buch gehabt wie mit Timur Vermes’ Debütroman Er ist wieder da, und das liegt vor allem an einem: Das Buch ist stellenweise furchtbar langweilig, langatmig und weit davon entfernt, was es sein könnte oder was ich erwartet hatte. Die Prämisse ist ja durchaus originell: Hitler wacht im Jahr 2011 in Berlin auf, ist entsprechend verwirrt, passt sich aber rasant an (zu rasant für meinen Geschmack) und befindet, Deutschland müsse “befreit” werden. Weil ihn jeder, der ihm begegnet, für einen extrem talentierten Hitler-Imitator handelt, landet der Gröfaz über kurz oder lang im Fernsehen, wo er im Rahmen einer Comedyshow mit seinen Reden derart viel Aufsehen erregt, dass andere Medien – die unvermeidliche “Bild”-Zeitung und natürlich YouTube – auf ihn aufmerksam werden. Weil Hitler mit seinen Reden noch dazu einen Nerv trifft, hat er sehr rasch eine Menge Fans und eine eigene TV-Show; die Anzahl der Gegner hält sich in überschaubaren Grenzen, und selbst diese kann er fast ausnahmslos überzeugen.

Vielleicht liegt es an zu hoch gesteckten Erwartungen, dass ich mich mit dem Buch äußerst schwer getan habe, vielleicht auch an meiner generellen Abneigung gegen Bücher und Filme, die sich mit Hitler und dem Nationalsozialismus beschäftigen. Zur Erklärung, warum das so ist: Ich hatte eine Deutsch- und Geschichtelehrerin, die das Thema mit uns bis zum Erbrechen durchgekaut hat; an der Uni habe ich in der Folge einen sehr, sehr weiten Bogen darum gemacht, bei Dokumentationen über den Nationalsozialismus schalte ich weg, und mein Mann brauchte sehr viel Überredungskunst, damit ich mir “Der Untergang” mit ihm anschaue. Das Thema hängt mir schlicht und ergreifend zum Hals heraus, wobei ich erstaunlicherweise mit Parodien kein Problem habe – vermutlich, weil die eben nicht mit dem moralisch entrüsteten Zeigefinger wackeln, den ich aus meiner Schulzeit kenne. Lachen über Hitler? Bööööööse! Tut man nicht! Dazu ist das Thema zu ernst! Eh. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man auch solche Unmenschen verarschen und über sie lachen darf, wie das damals schon der großartige Charlie Chaplin getan hat. Keiner hat seither eine dermaßen gelungene Hitler-Parodie hingelegt.

Ein Umstand, der mir die Lektüre von Vermes’ Roman auch erschwert hat: Ich fand ihn nur bedingt lustig. Während mein Mann beim Lesen immer wieder in sich hineingekichert oder sogar laut gelacht hat, fand ich die meisten Situationen, die eigentlich komisch sein sollten, in erster Linie konstruiert und aufgesetzt. Beispiel: Hitler braucht eine Mail-Adresse. Seine Sekretärin stellt fest: Der Name ist vergeben bzw. gesperrt, andere Kombinationen – mit Unterstrich, Punkt oder Zahl – funktionieren auch nicht. Die Szene war so gestaltet, dass man als Leser wusste: Das soll jetzt lustig sein. War’s aber nicht. Da ist die Szene, in der Hitler feststellt, dass er weder Pass noch Sozialversicherungsnummer hat, wesentlich witziger, auch wenn Vermes sich aus dem Dilemma mit einer mehr oder weniger eleganten Deus ex machina-Lösung rausgemogelt hat. Ebenfalls lustig, obwohl konstruiert: Hitler spielt “Minesweeper”. Jo eh. Und sein Handyklingelton ist natürlich der unvermeidliche “Walkürenritt” von Wagner. Gähn. Großartig ist dafür jene Szene, in der Hitler die NPD aufsucht und feststellen muss: Die haben ja gar keine richtige Parteizentrale, nur ein kleines Klingelschild an der Tür. Und was ist das überhaupt für ein uncharismatischer, angepasster Parteichef? Wie er den zur Sau macht, ist äußerst unterhaltsam.

Die meiste Zeit plätschert das Buch nett vor sich hin. Was Vermes sehr gut gelungen ist, ist der kritische Blick auf die heutige Gesellschaft und die damit untrennbar verbundene Medienlandschaft. Die Satire vor allem auf die Medien funktioniert hervorragend, erst recht, wenn man die Protagonisten des deutschen Privatfernsehens kennt, auf die Vermes in einer Tour anspielt. Themen wie Zuwanderung und Integration werden gestreift, hauptsächlich, um zu zeigen, dass es auch heutzutage nicht viel brauchen würde, um jemandem wie Hitler zum Aufstieg zu verhelfen. Das ist natürlich extrem überspitzt, funktioniert im Buch aber hervorragend. Für mich stand beim Lesen die bitterböse, rabenschwarze Satire im Vordergrund, die teilweise auch nachdenklich macht, etwa, wenn Hitler sich darüber empört, dass das Volk alles mit sich geschehen lässt anstatt sich dagegen aufzulehnen, dass die Regierenden das Geld zum Fenster hinauswerfen und sich nicht einmal dafür rechtfertigen.

Was Vermes ebenfalls sehr gut hinbekommen hat, und dafür ziehe ich meinen Hut vor ihm: Er schafft die äußerst sensible Gratwanderung, aus der Sicht eines Massenmörders eine beißende Satire zu schreiben, ohne dass sich der Leser in einer Tour abgestoßen fühlt. Problematisch ist allerdings der Umstand, dass man hie und da MIT Hitler lacht anstatt ÜBER ihn. Das verursacht extremes Unbehagen und ist von Vermes mit Sicherheit so gewollt, dient es doch als weiteres Vehikel, um zu zeigen: So einer wie Hitler wäre heutzutage auch möglich, wenn die Voraussetzungen gegeben wären und die Medien entsprechend mitspielen würden. Und: Demagogie ist Demagogie, egal, aus welchem politischem Lager sie kommt und an wen sie sich richtet. Dasselbe gilt für Propaganda. Insofern ist der Roman auch eine pointierte Abrechnung mit derzeitigen politischen Verhältnissen.

Dennoch hätte Vermes sich und vor allem seinen Lesern einen Gefallen getan, hätte er das Buch kürzer gehalten. Das Gelaber Hitlers über Kriegsführung ist alles, nur nicht spannend, und wie bereits erwähnt hat das Buch so seine Längen. Dass ich  fast vier Wochen dafür gebraucht habe, spricht nicht unbedingt für das Buch; dass ich nebenbei lieber was anderes gelesen habe und damit schneller fertig war, noch weniger.

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