Jonathan Franzen – Freedom (2010)

Gut Ding braucht Weile; das gilt auch für Literatur. Für Jonathan Franzens Roman Freedom habe ich gut einen Monat gebraucht, was aber nicht daran liegt, dass das Buch schlecht wäre (obwohl es stellenweise etwas langatmig ist). Nein, das war nicht der Grund. Es ist ein umfangreiches Buch mit ca. 700 Seiten, die Schriftgröße ist etwas klein ausgefallen, die Seiten sind dicht bedruckt, und die Story ist komplex. Das ist kein Buch, das man nebenbei liest. Man muss sich konzentrieren, um den Überblick zu behalten, man braucht mitunter viel Geduld, weil sich scheinbar nichts tut, weil die Handlung auf der Stelle tritt und weil sich manche Charaktere teilweise schlichtweg idiotisch verhalten. Unterm Strich ist Freedom ein sehr guter Roman, wenn auch mit leichten Abstrichen.

Franzens Stärke liegt für mich in der Charakterentwicklung. Auf den ersten Seiten entwirft er das Bild einer typischen amerikanischen Vorstadtidylle, jeder kennt jeden, und die liberale Familie Berglund, um die es hauptsächlich geht, mag eigentlich auch jeder. Blöd nur, dass sich nach und nach Abgründe auftun. Patty Berglund, bis dato vorbildliche Ehefrau und Mutter, beginnt zu trinken und schlitzt Autoreifen auf; Sohn Joey zieht zu den reaktionären Nachbarn, was seinen Eltern gar nicht passt und in der Folge ein angespanntes Verhältnis nach sich ziehen wird. Schließlich ziehen Patty und Walter nach Washington, der Kontakt zu den früheren Nachbarn reißt ab. Diese erfahren einige Jahre später aus der Zeitung, dass Walter großen Mist gebaut hat, wobei Franzen an dieser Stelle offen lässt, was genau Walter angerichtet hat.

Das alles spielt sich auf wenigen Seiten ab, wobei die Charaktere durch die Außensicht ihrer Nachbarn skizziert werden. Patty ist “agreeable” und sagt über niemanden ein böses Wort; vom Leser wird sie sofort in die Schublade “perfekte Hausfrau und Mutter” gesteckt. Man kann gar nicht anders. Und dann macht Franzen einen Zeitsprung zurück in Pattys Jugend, ihre Jahre an der Highschool bzw. am College, und urplötzlich haben wir es mit einem völlig anderen Charakter zu tun. Wir erfahren: Patty wurde in ihrer Jugend vergewaltigt und erhielt von ihren Eltern so gut wie keine Unterstützung, denn immerhin war der Täter der Sohn eines angesehenen Bürgers, den konnte man doch nicht ruinieren. Und überhaupt: Patty hatte wohl selbst Schuld. Mit winzigen, scheinbar unwichtigen Details, lässt Franzen das schwierige Verhältnis zwischen Patty und ihren Eltern vor dem inneren Auge des Lesers entstehen – etwas Geringschätzung hier, etwas Gefühlskälte da.

Pattys Autobiographie – die jedoch in auktorialer Erzählweise geschrieben ist; die Beweggründe dafür werden später erklärt – nimmt einen großen Teil des Buches ein und lässt den Charakter sehr plastisch erscheinen. Wir erfahren: Patty war ein Basketballtalent, am College mit der drogensüchtigen Stalkerin Elisa befreundet und schon immer fasziniert von Walters bestem Freund Richard Katz, einem aufstrebenden Musiker. Dennoch entscheidet sie sich für den etwas biederen, gutmütigen, feministischen, die Welt retten wollenden Walter, der aus allen Wolken fällt, als sie ihm eröffnet, sie wolle – ganz unfeministisch – nur Hausfrau und Mutter sein. Sie hat dafür einen einzigen Beweggrund: Sie will eine bessere Mutter sein als es ihre eigene jemals war. Sie will perfekt sein. Dass sie daran über kurz oder lang zerbricht, kann man sich denken; dass die Ehe der Berglunds auch nicht gerade von Glück gezeichnet ist, ebenfalls. Pattys Autobiographie wird später noch zu einem wichtigen Faktor im Roman, trägt sie doch dazu bei, das Verhältnis der Charaktere untereinander völlig auf den Kopf zu stellen. Denn das Manuskript, auf Initiative von Pattys Therapeut verfasst, existiert in der Welt des Romans tatsächlich. Und das hat Folgen.

Neben Patty beleuchtet Franzen außerdem Walter und Joey Berglund sowie Richard Katz etwas näher; diese vier Charaktere stehen im Zentrum des Romans, die übrigen Charaktere kreisen quasi wie Monde um sie herum. Teilweise verhalten sie sich irrational und idiotisch – Joey ist dafür ein guter Kandidat -, teilweise brechen Gefühle durch, die lange vergraben waren. Am wenigsten konnte ich mich mit Walter anfreunden, und lange Zeit wusste ich nicht, wieso. Eigentlich war er prädestiniert dafür, ihn zu bemitleiden, etwa, wenn Patty in ihrer Autobiographie ihre Faszination für Richard beschreibt und die Folgen, die diese Faszination hatte. Eigentlich hätte mir Walter an dieser Stelle leid tun müssen. Stattdessen habe ich überrascht festgestellt, dass ich mich auf Pattys Seite geschlagen habe – vermutlich, weil sie der greifbarste der vier Charaktere ist, weil sie der einzige gut ausgearbeitete weibliche Charakter ist, und weil ich sie von Anfang an mochte. Gegen Ende, genauer gesagt, im letzten Kapitel, fiel mir dann wie Schuppen von den Augen, warum ich mit Walter wenig anfangen konnte: Der Kerl mag keine Katzen. Die töten nämlich seine geliebten Vögel, sind verschlagen und egoistisch, und wie der gute Walter mit Kater Bobby umgegangen ist, mochte ich noch weniger. Ich fand den Charakter aber generell schwer zugänglich, was vermutlich an seinem Bestreben lag, die Welt retten bzw. ändern zu wollen. Dabei sind die Ideen hinsichtlich Überpopulation, die Franzen ihm in den Mund legt, durchaus interessant, und eigentlich hab ich was für Idealisten übrig. Walter Berglund war für mich jedoch nicht wirklich fassbar, ich wurde mit ihm einfach nicht warm.

Freedom ist außerdem ein zutiefst politisches Buch, etwa, wenn aus Walters Perspektive das Thema Umweltschutz in Angriff genommen wird, später auch das Thema Überbevölkerung, oder wenn Joey in den Nachwehen von 9/11 zum überzeugten Republikaner wird und ins Waffengeschäft einsteigen möchte, während er gleichzeitig seine Jugendliebe Connie ausnützt, wo es nur geht. Walter darf zu einem späteren Zeitpunkt eine bissige Gesellschaftskritik von sich geben, die sich gewaschen hat und die die derzeitigen Zustände wunderbar auf den Punkt bringt. Die Charaktere durchlaufen dabei Entwicklungszyklen – so ändert sich z.B. das Verhältnis zwischen Walter, Patty und ihren Kindern dauernd, aber auch das Verhältnis zwischen Walter, Patty und Richard oder das Verhältnis zwischen Joey und Connie. Gleichzeitig verändern sich auch die Persönlichkeitsstrukturen der Hauptcharaktere, etwa, wenn Walter befindet, dass er nach 47 Jahren auch mal ein Bier trinken könnte und seinen Antialkoholismus über Bord wirft oder wenn Joey sein Verhalten Connie gegenüber ändert.

Und immer geht es natürlich um Freiheit. Franzen verzichtet – vermutlich bewusst – darauf, Freiheit zu definieren, sondern führt uns die vielen Facetten der Freiheit eindrucksvoll vor: die Freiheit, eine Ehe einzugehen, die Freiheit, sich für etwas zu engagieren, die Freiheit, sich aus verhassten Strukturen zu lösen, die Freiheit, über Selbstmord nachzudenken, die Freiheit, sich dem Alkoholismus hinzugeben. Die Facetten sind schier unendlich, wobei die Charaktere teilweise alles andere als frei sind, weil in Strukturen gefangen, mit Erwartungshaltungen konfrontiert (fremden und eigenen) oder unfähig zu erkennen, welche Freiheit sie eigentlich wollen. Sie alle durchleben unterschiedliche Stadien von Freiheit, wobei der Begriff natürlich auch politisch aufgeladen ist. Franzen spielt mit alldem und zeichnet so ganz nebenbei ein Bild der Bush-Ära bzw. der traumatischen Zeit nach 9/11.

Es gibt wenig, was ich an diesem Buch kritisieren möchte. Gegen Ende zieht es sich etwas, es werden neue Charaktere eingeführt (Walters Brüder z.B.), die es nicht unbedingt gebraucht hätte, zumal Franzen sich ja nicht damit begnügt, zu sagen “Walter hat zwei Brüder”. Nein. Er macht einen Zeitsprung in die Vergangenheit und beschreibt das Verhältnis zwischen Walter, seinen Brüdern und seinen Eltern. Das ist zwar für das Verständnis der Figur nicht unerheblich, kommt aber ziemlich spät und wirkt etwas deplatziert. Entsprechend blass bleiben auch die spät eingeführten Charaktere, und ich habe mich beim Lesen dabei ertappt, wie mir der Gedanke “Geh bitte, das ist jetzt aber unnötig” durch den Kopf geschossen ist. Ebenso fand ich die ausführliche Versöhnung Pattys mit ihrer Familie etwas zu lang geraten – auch hier gilt: Für die Figur war dieser Abschnitt wichtig, für mich als Leserin nicht so sehr. Freedom hat seine Längen und sicher auch seine Schwächen; unterm Strich überwiegen aber eindeutig die Stärken.

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4 Responses to Jonathan Franzen – Freedom (2010)

  1. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #12 – März 2014 | Bücherphilosophin.

  2. rumgeeken says:

    Klingt ziemlich abgedreht und extrem interessant – danke für Deine Rezension! Ich habe von Franzen bis jetzt nur “Corrections” gelesen und fand das auch sehr gut. Werde mich wohl demnächst an “Freedom” versuchen! 🙂 LG!

  3. Sumbu says:

    Die “Corrections” stehen mir auch noch bevor, aber jetzt brauch ich erst mal was weniger Anspruchsvolles 🙂

  4. almathun says:

    bin schon gespannt auf den neuen Roman “Purity”.

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