Brigitte Riebe – Die Prophetin vom Rhein (2010)

Das Genre der historischen Romane ist mittlerweile nahezu unüberschaubar, und es ist nicht immer einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen – vieles ist ganz einfach Schrott nach dem beliebten Muster “Junge Frau schlüpft in Männerrolle, muss sich in böser Männerwelt behaupten und findet am Ende ihr Glück”. Das ist auf Dauer langweilig und platt, oft auch schlecht recherchiert oder ganz einfach kitschig. Insofern sind Autorinnen wie Brigitte Riebe eine echte Wohltat. Ich bin vor Jahren zufällig auf sie gestoßen und habe seither einige ihrer Bücher verschlungen – anders kann man das nicht nennen. Die Prophetin vom Rhein umfasst 546 Seiten, Nachwort und historische Erläuterungen nicht mitgerechnet, also eigentlich ein ordentlicher Wälzer. Ich war in zwei Tagen damit fertig. Das liegt vor allem an Riebes Schreibstil – klar, flüssig, weitgehend schnörkellos und gänzlich unkitschig. Dazu kommt das Talent, eine Geschichte so zu erzählen, dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht, selbst wenn Teile der Geschichte vorhersehbar oder gar banal sind. Außerdem recherchiert Riebe sehr gründlich, was sicher auch dem Umstand geschuldet ist, dass sie promovierte Historikerin ist.

In Die Prophetin vom Rhein nimmt sich Riebe eine der bekanntesten Frauengestalten des Mittelalters vor, deren Namen heutzutage auf allen möglichen Produkten zu finden ist, um selbige besser zu verkaufen: Hildegard von Bingen. Das war sicherlich kein einfaches Unterfangen; Riebe geht im Nachwort darauf ein und wirft die Frage auf, ob denn all jene, die Hildegard zu Vermarktungszwecken benutzen, überhaupt ihre Schriften gelesen haben. Vieles von dem, was Hildegard heutzutage zugeschrieben wird, wurde erst Jahrhunderte nach ihrem Tod verfasst und hat mit ihr nichts zu tun. Ja, und eine Heilige ist die Dame eigentlich auch nicht. Das Heiligsprechungsverfahren wurde nämlich nie abgeschlossen, was aber kein Hindernis dafür war, Hildegard in den offiziellen Kanon der Heiligen aufzunehmen.

Kommen wir kurz zur Handlung des Romans. Die ist äußerst vielschichtig bzw. weitverzweigt angelegt, was der Vielzahl der handelnden Figuren geschuldet ist. Der Einfachheit halber gebe ich dieses Mal den Klappentext wieder, da dieser die Handlung auf den Punkt bringt: “Stets im Konflikt mit den Mächtigen ihrer Zeit, hat Hildegard von Bingen andere Sorgen, als sich um das Geschwisterpaar Theresa und Gero zu kümmen, das bei ihr Schutz sucht. Unter schwersten Bedingungen ist Hildegard gerade dabei, ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg zu gründen – doch schneller als gedacht, wachsen ihr die Kinder ans Herz. Gero, der von einem Leben als Ritter träumt, wird zu einem Kettenhemdwirker in die Lehre gegeben, Theresa darf auf dem Rupertsberg bleiben. Doch als sich die junge Frau in den Händlerssohn Willem verliebt, muss sie das Kloster verlassen. Hildegard vertraut die geschickte Theresa der Wehmutter Eva an, bei der sie als Hebamme ihre wahre Berufung findet. Während Gero schließlich in Barbarossas Gefolge in den Krieg zieht, findet sich Theresa in den Fängen der Katharer wieder: Ihr geliebter Willem ist Mitglied der Ketzersekte, die Zeugung und Geburt als teuflisch verdammt. In ihrer Not wendet sie sich an Hildegard, doch dieser sind die Katharer schon lange ein Dorn im Auge. Als sie eine flammende Predigt hält und der Ruf >Ins Feuer mit ihnen!< aus dem Volk ertönt, weiß Theresa, dass sie sich entscheiden muss…”

Zusätzlich setzt sich Riebe mit der Frage der Abtreibung auseinander, und zwar aus Sicht der Katharer, für die Abtreibung selbstverständlich ist – denn das Fleisch muss vernichtet werden, damit die Seele leben kann. Auch Heuchelei, Machtgier und religiöser Wahn ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch, ebenso die Entfremdung der Geschwister und natürlich Hildegards Mystik.

Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, genau genommen von 1152 bis 1163. Dazu kommen wechselnde Schauplätze – Bingen, Mainz, Trier, Köln, Italien, München. Riebe bemüht sich dabei, auch Nebenpersonen differenziert darzustellen, indem sie deren Ansichten in mehreren Kapiteln zu Papier bringt. Leider sind speziell die Katharer sehr eindimensional geraten; Theresas geliebter Willem wurde für mich nie wirklich fassbar und ich habe bis zum Schluss nicht verstanden, was sie an dem eigentlich fand – er ist irgendwie der Ashley Wilkes dieses Romans. Nett, aber langweilig. Obendrein ist der Kerl dermaßen gehirngewaschen – er wurde von seinem Onkel Adrian großgezogen, der ein glühender Katharer ist -, dass er sich mit einem normalen Leben sehr schwer tut bzw. seinem Onkel mehr oder weniger bedingungslos gehorcht. Zwar bäumt er sich zwischendurch auf, versucht, mit Theresa ein neues Leben anzufangen, kriecht aber immer wieder zu Adrian zurück. Wieso sich eine Frau eine solche Lusche antun sollte, war mir bis zum Schluss nicht klar; ich konnte auch nicht nachvollziehen, was Theresa an ihm fand; Riebe hat nämlich verabsäumt, das besser herauszuarbeiten. Dass er gut aussieht und verschiedenfarbige Augen hat, ist ja schön und gut, und ich konnte auch verstehen, dass die 14-jährige Theresa bei der ersten Begegnung hin und weg war. Dass die 24-jährige Theresa diese Lusche noch immer an ihrer Seite wollte, obwohl sich seine Luschenhaftigkeit zu diesem Zeitpunkt schon längst gezeigt hatte, konnte ich nicht mehr nachvollziehen.

Theresa selbst ist eine sympathische Heldin – couragiert, eigensinnig und bereit, für ihre Liebe zu kämpfen. Zwar fühlt sie sich zunächst im Kloster ganz wohl, entscheidet sich dann allerdings für ein weltliches Leben, was Hildegard überhaupt nicht passt – nicht zuletzt, weil Theresa sie sehr an ihre geliebte Richardis erinnert. In der Folge kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen den beiden Frauen, wobei Theresa generell ein Talent dafür hat, sich mit anderen Frauen anzulegen – wenn auch unabsichtlich. Ihre Lehrmeisterin Eva warnt sie eindringlich vor Willem und dessen verquerer Religion – Theresa hört nicht auf sie. Ihre zweite Lehrmeisterin warnt sie nicht minder eindringlich – Theresa hört nicht, sondern zieht im Gegenteil ins Haupthaus der Sekte in Mainz, nur, um ihrem Willem nahe sein zu können. Sie handelt nicht immer rational, kann aber zupacken, wenn es sein muss und reift im Lauf des Romans zu einer verantwortungsbewussten jungen Frau heran.

Die Figur, die Riebe am besten gelungen ist, ist Hildegard selbst. Während Theresa durchwegs sympathisch ist, darf Hildegard Ecken und Kanten zeigen, ist stur, teilweise auch unnachgiebig und stößt mehr als einmal andere Menschen vor den Kopf. Vom Fasten hält sie nichts, will einen abwechslungsreichen Speiseplan im Kloster, vergisst aber selbst öfter aufs Essen, mischt sich in kirchenpolitische Angelegenheiten und predigt öffentlich. Diese Darstellung fand ich insofern sehr spannend und auch gelungen, weil das Bild, das heutzutage von Hildegard vermittelt wird, ein völlig anderes ist und die historische Hildegard von der zu vermarktenden Hildegard komplett überlagert wird. Längere Passagen aus Hildegards Schriften sorgen für Authentizität und verleihen der Figur noch mehr Tiefe. An manchen Stellen war Hildegard mir zutiefst unsympathisch, etwa, wenn sie auf ihrem Standpunkt beharrt hat, ohne Gegenargumente auch nur anzuhören. Ich mochte die Komplexität der Figur, auch wenn ich die Figur selbst nicht immer mochte.

Mitunter hatte ich bei aller Begeisterung das Gefühl, dass Riebe es sich etwas zu einfach gemacht hatte – etwa, wenn Theresa in Bedrängnis gerät und z.B. auf der Straße von zwei Betrunkenen überfallen wird, die sie vergewaltigen wollen. In solchen Situationen fand sich immer ein edler Retter, der aus dem Nichts gekommen ist und den Theresa in der Regel auch kannte. Das war mir zu konstruiert, das hätte nicht sein müssen. Abgesehen von solchen Ausrutschern ist Die Prophetin vom Rhein aber von Anfang bis Ende spannend und unterhaltsam. Es ist keine anspruchsvolle Literatur, aber ein solider, gut recherchierter historischer Roman, der mich sehr gut unterhalten hat.

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