Helen Fielding – Bridget Jones: Mad about the boy (2013)

Als mir der dritte Bridget Jones-Band vor ein paar Monaten in einer Buchhandlung ins Auge fiel, war ich zwar versucht, das Buch zu kaufen, wurde aber vom Klappentext abgeschreckt: Bridget alleinerziehend? Wie, was, warum? Wo war Mark Darcy? Und warum überhaupt einen dritten Bridget-Band? Ich habe das Buch damals nicht mitgenommen; später bin ich im Web über einige Rezensionen gestolpert, die nicht unbedingt positiv waren. Mittlerweile ist das Buch als Taschenbuch erhältlich, kostet trotz englischer Originalausgabe unter zehn Euro – und ich dachte mir, nun ja, vielleicht ist das ja gute Urlaubslektüre. Gestern habe ich mit dem Buch begonnen, heute bin ich fertig geworden, und das bei knapp 400 Seiten. Da ich nicht ohne SPOILER auskommen werde, sollten diejenigen, die das Buch eventuell noch lesen wollten, sich den Rest meines Textes sparen.

Bridget ist mittlerweile Anfang 50 und alleinerziehende Mutter, ein Umstand, den man schon dank des Klappentextes weiß. Was zum Geier wurde aber aus Bridgets großer Liebe Mark Darcy, in den Filmen wunderbar dargestellt von Colin Firth? Recht schnell wird klar: Helen Fielding hat sich allen Ernstes getraut und einen Charakter, der bei den Leserinnen gut ankam, gekillt. Bridget ist also Witwe – zwar reich, weil Mark vorausblickend für alles gesorgt hat, sodass sie nicht arbeiten muss, aber sie ist allein. Ihre Freunde befinden nach vier Jahren der Trauer, dass es nun an der Zeit für Bridget ist, ihre Fühler nach einem neuen Mann auszustrecken, was zunächst – natürlich – gründlich schief geht. Via Twitter lernt Bridget den 29-jährigen Roxster kennen, und es kommt, wie es kommen muss: Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, die aber – und das war mir lange vor Bridget klar – nicht von Dauer sein kann. Mir war auch lange vor Bridget klar, wer tatsächlich Marks “Nachfolger” werden würde.

Das Buch hat mich in Summe gut unterhalten, aber es gibt einige Aspekte, die ich doch hervorheben möchte, weil sie mir negativ ins Auge gestochen sind:

  • Bridget ist zwar auf dem Papier Anfang 50, verhält sich aber noch immer genauso wie mit Anfang bzw. Mitte 30. Sie hat sich praktisch kaum weiterentwickelt, ist noch immer paranoid, glaubt, dass sie niemand liebt und ist von der Meinung anderer abhängig. Das hat zeitweise sehr gestört, zumal die Jahre seit dem letzten Band nicht einmal gestreift werden. Fielding hat sich zwar so der Last entbunden, die verheiratete Bridget darzustellen, aber sie wieder ins Single-Leben zu werfen, war anfangs durchaus problematisch – nicht nur für Bridget, sondern auch für mich als Leserin.
  • Äußerst tiefer Humor – was daran so lustig sein soll, wenn ausführlich über Fäkalien oder Kotze berichtet wird, entzieht sich meiner Kenntnis.
  • Blasse Nebencharaktere. Tom und Jude sind im Grunde noch dieselben wie in den vorhergehenden beiden Bänden, Roxster ist außer schön und durchtrainiert nicht viel, und auch Bridgets Kinder werden nicht wirklich greifbar. Selbst Daniel Cleaver, der von Haus aus oberflächlich ist, erscheint noch oberflächlicher als in den früheren Werken.
  • Apropos Daniel Cleaver: Dass Mark und Bridget ihn nach der Geburt des ersten Kindes zum Paten machen würden, erschien mir extrem konstruiert. Immerhin konnten sich Mark und Daniel nie leiden.
  • Die Kinder: Bridget wird sehr, sehr spät Mutter – mit 43 bzw. 45. Das fand ich problematisch, weil das an sich ein “kritisches” Alter für Schwangerschaften ist. Darauf wird mit keinem Wort eingegangen.
  • Bridget ist nach wie vor chaotisch, allerdings ist das teilweise durchaus nervig, etwa, wenn sie völlig paranoid wird, weil sie keine Twitter-Follower hat oder wenn sie in einer Tour SMS schreibt anstatt sich bei ihrer Arbeit, die sie eh nur nebenbei macht, zu konzentrieren.

Bei aller Kritik hat das Buch aber auch durchaus seine gute Seiten. So fand ich die Passage, in der sich Bridget endgültig von Mark verabschiedet, um ein neues Leben zu beginnen, sehr berührend und traurig. Auch die generelle Lebenssituation – als Frau in den 50ern wieder Single zu sein – fand ich im Grunde gut dargestellt, wenn auch etwas überzogen, aber gut, ohne Übertreibungen geht es wohl nicht. Was mir im Laufe des Buches aufgefallen ist: Bridget misst ihrem Gewicht immer weniger Bedeutung bei; die obsessiven Aufzählungen, die man aus den ersten Tagebüchern kennt, gibt es zwar nach wie vor, allerdings scheint das Gewicht nicht mehr regelmäßig und irgendwann gar nicht mehr auf – ein Zeichen dafür, dass sich Bridget im Lauf des Buches doch weiterentwickelt. Das Ende kam etwas zu abrupt, wenn auch nicht überraschend.

Unterm Strich ein durchaus unterhaltsames Buch mit einigen emotional sehr berührenden Stellen, das mich positiv überrascht hat. Fielding ist ihrem Stil weitgehend treu geblieben; die Leichtigkeit der früheren Bücher ist allerdings gewichen, und während ich mich bei den ersten beiden Büchern schiefgelacht hab, hat mich dieses Buch eher nachdenklich gestimmt, weil Bridget mit all ihrer Tollpatschigkeit und Paranoia als Folie für einen Frauentypus herhalten muss, der ohne Mann an seiner Seite letzten Endes nicht existieren kann und auch nicht existieren will. Das hat weniger mit der in uns allen verwurzelten Sehnsucht nach einem Partner zu tun sondern mehr mit Bridgets Unvermögen, auf sich allein gestellt klar zu kommen – Reichtum hin, Nanny und Putzfrau her. Sie kann’s einfach nicht. Wenn sie keinen Mann an ihrer Seite hat, der ihr hilft und sie unterstützt, dann ist sie hoffnungslos überfordert. Die Message, die Fielding ihren Leserinnen mitzugeben scheint, ist wohl folgende: Egal, wie alt du bist, du brauchst unbedingt einen Mann an deiner Seite, sonst ist dein Leben nicht vollkommen und du kommst hinten und vorne nicht zurecht. Diese Botschaft hat sich bereits durch die ersten Bücher gezogen, ist in diesem Fall aber insofern bedenklich, als eine über 50-jährige Frau sich bei aller Trauer so weit im Griff haben sollte, dass sie alleine zurechtkommt, schon um der Kinder willen. Bridget schafft das aber nicht. Sie versucht es auch nur halbherzig. Insofern habe ich Fielding die 50-jährige Bridget nicht abgenommen; ich konnte sie mir auch nicht mal ansatzweise vorstellen. Das Buch funktioniert dann wirklich gut, wenn man das Alter der Figur einfach ausblendet und über die oben erwähnten Kritikpunkte hinwegsieht.

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