Régine Pernoud – Königin der Troubadoure (1965)

Was dem Titel nach ein beliebiger historischer Roman sein könnte, ist tatsächlich eines der besten mediävistischen Werke, die ich kenne. Régine Pernoud fokussiert zwar hauptsächlich auf Eleonore von Aquitanien, bettet diese überaus spannende Figur aber stets in den historischen Kontext ein, zeigt Zusammenhänge zu späteren Entwicklungen auf, gibt so nebenbei Einblicke in den Alltag im 12. Jahrhundert und zeichnet anhand der Quellen ein durchaus differenziertes Bild dieser außergewöhnlichen Frau. Dialoge sind wörtlich aus den Quellen übernommen, auf Fußnoten verzichtet Pernoud dankenswerterweise – sie begnügt sich damit, am Ende des Buches die Originalquellen anzuführen, mit denen sie gearbeitet hat. Für den Lesefluss ist das natürlich grandios, zumal Pernoud einen sehr flüssigen, fast schon romanhaften Schreibstil hat.

Wer sich an dieser Stelle fragt, wer denn diese Eleonore von Aquitanien war, könnte unter Umständen mit der Antwort “Die Mutter von Richard Löwenherz” etwas anfangen – auch wenn es unfair ist, Eleonore auf diese Rolle zu reduzieren. Dass die Plantagenets überhaupt ein derart großes Reich unter ihre Kontrolle bringen konnten – von England bis weit in den Süden Frankreichs -, war in erster Linie ihr zu verdanken, und dass das Reich über Jahrzehnte hinweg zusammengehalten werden konnte, ebenfalls. So ganz nebenbei förderte sie die höfische Literatur, ein Aspekt, der mir persönlich ein wenig zu kurz gekommen ist. Zwar referenziert Pernoud permanent Eleonores Begeisterung für die Troubadour-Lyrik ihrer Heimat und ihr Interesse für Literatur im Allgemeinen, das Kapitel über die höfische Literatur fällt dann aber doch etwas schmal aus und bringt zumindest für Mediävisten nichts Neues.

Neu war für mich hingegen, dass Eleonore ihren ersten Mann, König Ludwig VII. von Frankreich, auf einem Kreuzzug begleitet hat und dass sie eine Annullierung der Ehe durchsetzen konnte – nämlich mit dem Verweis, dass sie und Ludwig zu eng miteinander verwandt seien. Dass Männer im Mittelalter ihre Frauen häufiger verstoßen haben, ist ja nichts Neues; das berichtet auch Pernoud wiederholt. Dass eine Frau die Annullierung ihrer Ehe betrieben und schließlich erfolgreich durchgesetzt hat, ist hingegen außergewöhnlich. Neu war für mich auch, dass Eleonore das Potenzial des aufstrebenden Bürgertums und der Städte erkannte und beide aktiv förderte. Bis zum Ende ihres Lebens – sie wurde immerhin über 80 Jahre alt und hat fast alle ihre Kinder überlebt – war sie aktiv und stets bemüht, ihr Lebenswerk zusammenzuhalten. Das ist auch heute noch beeindruckend.

Manche Passagen lesen sich etwas zähflüssig, zuweilen springt Pernoud auch etwas zu sehr zwischen zwei Zeitabschnitten hin und her. Ausgelassen habe ich die altfranzösische Lyrik zu Beginn jedes Kapitels – dafür reichen meine Französischkenntnisse einfach nicht. Abgesehen davon wüsste ich nichts, was es an diesem Buch auszusetzen gäbe. Wer sich ein umfassendes Bild vom Leben im 12. Jahrhundert und v.a. von einer der spannendsten Frauen der Geschichte machen möchte, sollte auf jeden Fall zugreifen. Wer dann noch immer nicht genug von Eleonore hat und es auch gerne mal romanhaft mag, ist mit Tanja Kinkles hervorragend recherchiertem Roman Die Löwin von Aquitanien ebenfalls gut bedient.

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