Matt Ruff – The Mirage (2012)

Die Frage „Was wäre, wenn?“ zieht sich wie ein roter Faden durch Matt Ruffs jüngstes Werk The Mirage. Darauf aufmerksam geworden bin ich einerseits, weil ich Matt Ruff großartig finde (wer Fool on the Hill noch nicht kennt und schräge Fantasy-Nerd-Szenarien mag: unbedingt nachholen!), andererseits war es der Klappentext, der mich neugierig gemacht und schließlich auch zum Kauf bewogen hat. Ich zitiere mal kurz: „11/9/2001: Christian fundamentalists hijack four jetliners. They fly two into the Tigris & Euphrates World Trade Towers in Baghdad, and a third into the Arab Defense Ministry in Riyadh. The fourth plane, believed to be bound for Mecca, is brought down by its passengers. The United Arab States declares a War on Terror. Arabian and Persian troops invade the Eastern Seaboard and establish a Green Zone in Washington, D.C.“.

Nach diesen wenigen Sätzen war mir klar: Das muss ich unbedingt lesen. Alternative Realitäten sind für mich ungemein spannend, zumal Ruff es ja nicht dabei belässt, dass er einfach eine alternative Realität erschafft, oh nein: Seine drei Hauptprotagonisten Mustafa, Amal und Samir, allesamt bei der Homeland Security beschäftigt, werden mit der Legende der „mirage“ konfrontiert – also der Geschichte, dass die Welt, in der sie leben, nur eine Illusion, eine Fata Morgana ist und tatsächlich die Vereinigten Staaten von Amerika (die es in dieser Welt nicht gibt) die eigentliche Supermacht sind.

Alles steht auf dem Kopf

Was das Trio zunächst als Spinnerei eines fanatischen Christen abtut, nimmt rasch konkretere Züge an – da tauchen Artefakte auf, die für die Existenz einer anderen Welt sprechen, etwa Zeitungen, die von einem Anschlag am 11. September 2001 in New York berichten, der in dieser Welt jedoch nie stattgefunden hat. Kurz: Ruff stellt alles auf den Kopf, reduziert die USA auf einen Kontinent voller Königreiche und souveräner Staaten, macht dafür die arabischen Staaten zu einer Supermacht, die einen Kampf gegen den Terror ausficht und so nebenbei auch noch damit zu kämpfen hat, dass die, denen sie eigentlich helfen wollen, fürchterlich rückständig und unkultiviert sind.

Manche Dinge lässt Ruff auch, wie sie sind. Saddam Hussein ist auch in dieser Welt grausam, wenn auch nicht Staatschef, sondern „nur“ ein Gangster, der aber Wind von der Illusion bekommen hat und sie gerne rückgängig machen möchte, um – große Überraschung – selbst an die Macht zu gelangen. Und natürlich darf auch Osama bin Laden nicht fehlen. Er ist Senator und Chef von Al Kaida, und er ist in dieser wie in unserer Welt ein Verbrecher, der über Leichen geht, wenn es sein muss. US-Politiker dürfen logischerweise ebenfalls nicht fehlen, werden aber größtenteils in die Bedeutungslosigkeit verdrängt, was Ruff u.a. bewerkstelligt, indem er etwa George W. Bush kein einziges Mal beim Namen nennt, sondern ihn lediglich kurz beschreibt, mit dem Seitenhieb, dieser Mann sei ein Versager. Ruff erklärt das in einem Interview, das im Anhang abgedruckt ist, damit, dass er Bush in keiner der beiden Welten irgendeine Bedeutung zumessen wollte – er hält offenbar nichts von ihm 🙂

Wie soll das alles enden?

Die meiste Zeit fragt man sich als Leser, wie denn nun das Rätsel um die Illusion gelöst wird und ob am Ende wieder alles kippt, sodass die arabischen Staaten auf dem Level sind, das sie heute haben, während die USA wieder uneingeschränkte Supermacht sind. Ruff löst das wirklich gut und für das Setting dermaßen passend, dass ich an dieser Stelle nichts verraten will. Nur so viel: Die Auflösung und ihre Konsequenzen sind sehr stimmig, das Ende ist offen und lässt Platz für Spekulationen.

Die Geschichte lebt aber nicht nur von der „Was wäre, wenn“-Idee, sondern vor allem auch von ihren Protagonisten. Sein Ermittler-Trio hat Ruff sehr gut ausgearbeitet; jeder bekommt eine Hintergrundgeschichte, die es dem Leser ermöglicht, den Charakter besser zu verstehen und sich mit ihm zu identifizieren. Das nimmt zwar zunächst etwas breiten Raum ein, ist aber für das Verständnis der Charaktere wichtig. Auch zu den Charakteren hat Ruff im Interview etwas zu sagen: Er habe an jene Menschen gedacht, die tagtäglich im Irak sterben und über die niemand spreche, jene Muslime, die mit Terror nichts am Hut hätten, die aber mit Terroristen in einen Topf geworfen würden. Er habe diese Menschen in den Mittelpunkt stellen und die Geschichte aus einem alternativen Blickwinkel erzählen wollen. Das regt natürlich auch zum Nachdenken an, und ich denke, das lag durchaus in Ruffs Absicht.

The Mirage ist ein sehr schräges, spannendes und politisches Buch; an manchen Stellen hatte ich etwas Mühe, die Parallelen zu unserer Welt zu entdecken, ich habe aber auch nicht so exzessiv recherchiert wie Ruff. Man braucht für The Mirage Geduld und Konzentration, denn auch wenn es der Unterhaltung dient, so ist es doch nichts, was man so nebenbei liest. Man sollte auch etwas für schräge Konzepte übrig haben, denn speziell im letzten Drittel wird es richtig abgedreht. Das muss man mögen. Oder Matt Ruff bereits kennen, dann überrascht einen sowas nicht mehr 🙂

Advertisements

Autor: Sumbu

PR-Frau/Journalistin mit Begeisterung für Bücher, SciFi, Fantasy, Nerdiges, aber auch Sport, Nähen und flauschige Lebewesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s