Jean-Christophe Grangé – Der Ursprung des Bösen (2011)

Wenn mir nach einem spannenden Thriller ist – und das kommt hin und wieder vor -, dann greife ich am liebsten zu einem Buch von Jean-Christophe Grangé. Denn eines muss man dem Franzosen lassen: So abstrus seine Geschichten oft sind, er versteht es, einen bei der Stange zu halten und Spannung aufzubauen. Die purpurnen Flüsse (die Romanvorlage für den gleichnamigen Film mit Jean Reno und Vincent Cassel) habe ich verschlungen, Das Herz des Bösen konnte ich ebenfalls nicht mehr aus der Hand legen. Selbst Romane wie Der steinerne Kreis oder Choral des Todes, die mich nur mäßig begeistert haben, musste ich unbedingt zu Ende lesen – und so ging’s mir auch mit Der Ursprung des Bösen, 2011 auf Französisch unter dem Titel Le Passager erschienen (ein viel treffenderer Titel als im Deutschen, obwohl ich nach der Lektüre nachvollziehen kann, warum der Verlag ausgerechnet auf diese “Übersetzung” gekommen ist). Obwohl das Buch etwas mehr als 850 Seiten umfasst und stellenweise fürchterlich langatmig oder absurd oder unglaubwürdig ist, habe ich keine zwei Wochen dafür gebraucht. Die große Stärke Grangés liegt darin, seine Leser selbst dann zu fesseln, wenn er gerade etwas völlig Belangloses oder Offensichtliches ausführt – man will immer wissen, wie’s weitergeht und wer am Ende der Mörder ist.

Der Klappentext der Taschenbuchausgabe liest sich vielversprechend: Der Psychiater Mathias Freire leidet unter einer seltsamen Krankheit. In Stresssituationen setzt sein Gedächtnis aus, sobald er wieder bei Bewusstsein ist, ist er ein anderer Mensch ohne Erinnerung an seine Vergangenheit. Als eine “Serie von bestialischen Ritualmorden […] in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung verübt” werden, steht eines Tages Polizeikommissarin Anais Chatelet vor seiner Tür und es stellt sich die Frage: Ist Freire der Mörder?

Liest sich gut, oder? Ist aber leider falsch bzw. gibt den Inhalt des Buches nur unzureichend wieder. Freire leidet zwar tatsächlich unter Amnesie, wird sich dessen aber erst allmählich bewusst (nach ca. 200 Seiten), und anstatt permanent die Identität zu wechseln, setzt er alles daran, seine ursprüngliche Identität wiederzufinden. Die Ritualmorde, von denen im Klappentext die Rede ist, finden auch nicht in unmittelbarer Nähe von Freires Wohnung statt, sondern verteilen sich schön gleichmäßig auf Bordeaux, Marseille und Paris. Da hat wohl wer das Buch nicht gelesen… und man geht logischerweise mit völlig falschen Erwartungen an den Roman heran.

Was wirklich passiert: Ein junger Obdachloser wird mit einer Überdosis Heroin ermordet und bekommt einen ausgehöhlten Stierkopf aufgesetzt – wer jetzt “Jö, Minotaurus” denkt, liegt goldrichtig. Anais Chatelet, Hauptkommissarin in Bordeaux, beginnt, in dem Fall zu ermitteln. Gleichzeitig wird ein Mann ohne Gedächtnis in die Klinik eingeliefert, in der Freire als Psychiater tätig ist. Der Namenlose wurde in der Nähe des Fundorts der Leiche aufgegriffen und steht logischerweise unter Tatverdacht, was Freire aber nicht glaubt, denn er erkennt relativ schnell: Der arme Mann ist ein “Reisender ohne Gepäck”, er leidet an so genannter psychischer Flucht. Anders gesagt: Ein Trauma lässt ihn seine alte Identität vergessen und eine neue annehmen. Grangé legt an dieser Stelle großen Wert darauf, dass es sich nicht um eine multiple Persönlichkeit handelt, und das Konzept ist durchaus spannend, zumal sich herausstellt, dass auch Freire selbst betroffen ist. Wie sich das für einen ordentlichen Grangé-Helden gehört, fängt er an, auf eigene Faust zu ermitteln, was aber irgendjemand verhindern möchte – dauernd sind ihm Männer in Schwarz auf den Fersen (ohne Blitzdings) und versuchen, ihn zu ermorden. Das muss einen Grund haben, denkt sich Freire, und auch Anais, die sich in den feschen Psychiater verschaut hat, kommt zu demselben Schluss.

Eigentlich würde man an dieser Stelle erwarten, dass die beiden sich zusammentun und gemeinsam ermitteln. Das passiert aber nicht. Als Freire nämlich feststellt, dass er nicht der ist, für den er sich hält und dass er unter Mordverdacht steht, flüchtet er aus Bordeaux, was bei Anais wiederum den Drang auslöst, dem armen Manne zu helfen, denn sie weiß tief im Inneren: Er ist unschuldig. Und so beginnt eine Reise quer durch Frankreich – wir begleiten Freire und Anais von Bordeaux nach Marseille, von dort weiter nach Nizza und schließlich nach Paris, diverse Nebenschauplätze im Umland nicht eingerechnet. Was extrem spannend beginnt – jemand ermordet Junkies und inszeniert das Ganze nach mythologischem Vorbild, dazu die Idee mit der psychischen Flucht -, wird leider sehr schnell mühsam, zeitweise langweilig und an manchen Stellen richtig idiotisch sowie unglaubwürdig. So gelingt es Freire IMMER, seinen Verfolgern – den mysteriösen Männern in Schwarz UND der Polizei – zu entkommen, oft zwar nur um Haaresbreite, aber er kommt jedes Mal davon. Ich erwarte von einem Roman wirklich kein Übermaß an Realismus, aber man kann’s auch übertreiben, gell, Jean-Christophe? Dazu kommen die wundersamen Fähigkeiten, die Freire an den Tag legt – er ist ein begnadeter Psychiater, ein anerkannter Maler, und er kann grandios Pässe und Urkunden fälschen. Äh. Ja. Die Handlung erfordert es, aber ich fand’s übertrieben. Auch die Art und Weise, wie er seine Ermittlungen angeht, war… nun ja… unrealistisch. Er findet so gut wie alles im Internet, so ziemlich jeder, von dem er Informationen braucht, redet mit ihm – ja, ist klar. Freire ist ein Wunderknabe, er kann alles… er ist Superman!

Dann wäre da noch die Sache mit den Wunden. In Marseille wird Freire von einer Gang angegriffen, die ihre Hunde auf ihn hetzt. Eines der lieben Tierchen beißt ihn ins Bein – laut Beschreibung so richtig schön tief. Gehört eigentlich genäht, und eine Tetanus-Spritze könnte sicher auch nicht schaden. Was macht Freire? Humpelt zwei Zeilen lang ein wenig, jammert ein bissl, dass das schon weh tut, und kann dann sprinten (!) bzw. ein paar Seiten später problemlos einen Abwasserkanal betreten, ohne dass sich das negativ auf die Wunde auswirkt, die im Übrigen nie wieder erwähnt wird. Hätte man also auch gut weglassen können. Wiederum: Ich erwarte kein genaues Abbild der Realität, aber das geht auf keine Kuhhaut, wirklich. An einer Stelle gegen Ende des Buches, als Freire die Namen seine verschiedenen Identitäten durchgeht und dem Leser erklärt, was diese zu bedeuten haben, hab ich nur noch den Kopf geschüttelt und mich gefragt, ob es wirklich notwendig ist, offensichtlich sprechende Namen derart ausführlich zu erklären. Ich meine – dass “Freire” wie das französische Wort für Bruder klingt, liegt doch auf der Hand, oder? Dazu muss man nicht mal besonders gut Französisch können. Narcisse? Janusz? Go figure. Aber damit auch dem dümmsten Leser klar ist, wie die Namen zu interpretieren sind, werden sie halt erklärt und Freire hat ein Aha-Erlebnis. Uff.

Was mich an dem Roman massiv gestört hat, war, dass Grangé versucht hat, eine Fülle von Ideen unter einen Hut zu bringen, ohne dass ein rundes Ganzes dabei herausgekommen wäre. Wir haben: mythologische Morde; eine psychisch labile und traumatisierte Polizistin mit Vaterkomplex, die sich über die Regeln hinwegsetzt und immer wieder mal auszuckt; einen nicht minder labilen, aber genialen Psychiater, der sich von einer verlorenen Identität zur nächsten hangelt (spätestens bei Identität Nr. 3 wurde das langweilig, weil sich das Konzept abgenutzt hatte); einen Pharmakonzern, der mit dem Militär gemeinsame Sache macht und unethische Experimente an Menschen durchführt; einen Folter-Vater, der zwar seine psychisch labile Polizisten-Tochter liebt, aber kein Problem damit hat, dass er früher Menschen auf bestialische Weise gefoltert hat (für die Handlung ist das nur insofern wichtig, als damit erklärt werden soll, warum Anais psychisch so labil ist und permanent Pillen schluckt); tote Edelprostituierte und einen Speed-Dating-Club, der wiederum mit den oben erwähnten Experimenten in Verbindung steht; einen Polizisten, der aus unerfindlichen Gründen mit Anais zusammenarbeitet, obwohl ihr der Fall entzogen wurde und er sie nicht mal wirklich kennt; und last but not least die Frage, ob Freire noch einen bösen Zwillingsbruder hat oder nicht sowie einen dermaßen klischeehaften Showdown, dass einem alles vergeht. Wobei – Showdown stimmt nicht ganz. Freire – und der Leser – bekommt eine ganze Menge Erklärungen geliefert und eine Aufgabe gestellt, die er grandios versemmelt. Das Klischeehafte dabei ist, dass während dieses Pseudo-Showdowns die Mutter aller Stürme über La Rochelle tobt.

Grangé versucht also eine ganze Menge unter einen Hut zu bringen, und die einzelnen Ideen für sich genommen sind wirklich spannend. Meistens gelingt es ihm auch, die Spannung zu halten, und mir war klar: Das Buch muss ich unbedingt zu Ende lesen, auch wenn mir Anais mit ihren Auszuckern mitunter fürchterlich auf die Nerven ging und ich mich auf für Freire nicht so recht erwärmen konnte. Nur: Ein rundes Ganzes ist das wie gesagt nicht. Dazu gibt es zu viele Logiklöcher, zu viel, das unglaubwürdig ist, zu viel, das an “Memento” erinnert (und im Film viel besser umgesetzt wurde). Den Schluss fand ich allerdings richtig, richtig gut und konsequent, wenn auch ziemlich gemein, aber gut, dass es für Grangés Protagonisten nicht immer ein Happy-End gibt, ist man ja von ihm gewohnt. Fazit: Grangé hat sich übernommen und gute Ideen teilweise ruiniert, auch, indem er das Ganze auf über 850 Seiten ausgewalzt hat. 200 Seiten weniger, ein paar Absurditäten weniger, die man eh nicht braucht, und man hat einen wunderbar stringenten, spannenden Roman. So ist leider nur ein mittelmäßiges Buch herausgekommen. Kann man lesen, muss man aber nicht.

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