Günther Thömmes – Der Bierzauberer (2008)

Ein historischer Roman, eingebettet in das deutsche Mittelalter, der sich um einen jungen Bierbrauer dreht, der sich immer weiter verbessern möchte und auch vor Innovationen nicht zurückschreckt, der dabei aber ins Visier der Inquisition gerät und sich mit seinem ehemals besten Freund eine Jagd auf Leben und Tod liefert, bis es zum finalen “Bierduell” kommt – das klingt doch nach einer kurzweiligen und spannenden Angelegenheit, oder? Tja. Der Bierzauberer von Günther Thömmes ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Klappentexte zwar als Marketinginstrument wunderbar funktionieren, den Leser aber gleichzeitig in die Irre führen können. Gleichzeitig fehlen dem Roman rund um den Bierbrauer Niklas von Hahnfurt verschiedene Aspekte, um aus einer interessanten Idee eie gute, fesselnde Geschichte zu machen.

Worum geht es? Wir erfahren anfangs, dass zwischen Niklas und dem ehemaligen Dominikanermönch Bernard eine lebenslange Todfeindschaft besteht, die in dem im Klappentext erwähnten “Bierduell” gipfelt – das schaut so aus, dass Bernard zwei Krüge Bier mitbringt, von denen einer vergiftet ist. Niklas trinkt als Erster, und Thömmes präsentiert vermeintlich bereits zu Beginn das Ende des Romans. Anschließend erfahren wir, dass Thömmes eine alte mittelalterliche Handschrift gefunden hat, in der die Geschichte Niklas’ von selbigem höchstpersönlich niedergeschrieben worden sein soll – ein netter Versuch, dem Ganzen einen Hauch von Authentizität zu verleihen.

Bier, Bier, nur du allein…

Zur eigentlichen Geschichte: Niklas von Hahnfurt, ältester Sohn eines Bauernpaares, möchte unbedingt Bierbrauer werden und bemüht sich daher um die Aufnahme ins Kloster Urbrach, denn, so die Erklärung, Bierbrauen ist an sich Frauensache und wird nur in Klöstern von Männern verrichtet – eine Behauptung, die nur anfangs aufgestellt und dann nie wieder aufgegriffen wird, im Gegenteil, später sind so gut wie alle Bierbrauer, denen Niklas begegnet, Männer. In Urbrach freundet er sich mit Bernard an, dem Gehilfen des Bäckers; die beiden werden sowas wie beste Kumpels. Gleichzeitig tut sich Niklas durch seine Begabung beim Bierbrauen hervor, und als sein Meister stirbt, übernimmt er die Klosterbrauerei, was nicht von jedem gern gesehen wird. Denn der gute Niklas hat auch noch ein anderes Talent: Obwohl er lieb und nett ist, schafft er es, sich überall Feinde zu machen. Weil das halt so sein muss, damit die Geschichte vorankommt. Nun gut, damit kann ich ja leben. Ich kann auch mit dem eher schlichten Schreibstil leben, meinetwegen auch noch mit den fürchterlich blassen, austauschbaren Figuren.

Mit der Zeit häufen sich jedoch jene Aspekte, die der Geschichte und damit dem Buch überhaupt nicht gut tun. So verlässt Niklas Urbrach, um in Weihenstephan noch mehr über das Bierbrauen zu erlernen. Dazu muss er jedoch auch den Orden wechseln. Reaktion seines Abtes: “Hm, naja, das ist jetzt nicht so optimal… aber da hast du ein Empfehlungsschreiben, lass dir noch etwas Geld geben, passt schon.” Aha. Ich bin  mir nicht sicher, dass es so einfach war, das Kloster bzw. den Orden zu wechseln, wie Thömmes das hier darstellt, zumal Niklas auch in Weihenstephan nicht lange bleibt und der dortige Abt zu bedenken gibt, dass für die Benediktiner eigentlich die stabilitas loci gilt. Dennoch zieht es Niklas nach St. Gallen, wo er sein Wissen weiter vermehren möchte. Irgendwo dazwischen – ich kann mich beim besten Willen nicht mehr dran erinnern, ob auf der Reise nach Weihenstephan oder nach St. Gallen – trifft er erneut auf Bernard, der mittlerweile Dominikanermönch in Augsburg ist. Und ab hier wurde es richtig unlogisch, nicht nachvollziehbar und auch bisweilen ärgerlich. Bernard erzählt seinem Freund bei einem Krug Bier, dass er und der Bäckermeister von Urbrach nach einer durchzechten Nacht offenbar miteinander im Bett gelandet sind, und dieses Ereignis verändert Bernard komplett. Er wird Inquisitor und nimmt einen harmlosen Scherz Niklas’ über die Qualität des Bieres im Himmel dermaßen persönlich, dass er ihn fortan mit glühendem Hass verfolgt. Ja, ist klar. Bernard passt zwar in seiner Schablonenhaftigkeit wunderbar zum restlichen Ensemble dieses Romans und ist genauso austauschbar, und natürlich muss irgendwer den Antagonisten geben. Aber die Motivation Bernards ist einfach… fadenscheinig, fragwürdig, unlogisch konstruiert und nicht nachvollziehbar.

So geht das in einer Tour weiter. In St. Gallen sterben mehrere Menschen an Vergiftungen, wobei Niklas sofort den richtigen Verdächtigen ausfindig machen kann, es aber natürlich schafft, den Verdacht auf sich zu lenken und den Verdächtigen gegen sich aufzubringen, der nichts Besseres zu tun hat, als Bernard, der das Kloster aufsucht, weiszumachen, dass Niklas die Morde begangen hat. Dass Niklas zu diesem Zeitpunkt das Kloster bereits verlassen hat, weil er genug vom Klosterleben hat und lieber als freier Mann seine eigene Brauerei betreiben möchte, macht ihn logischerweise höchst verdächtig und ist dermaßen konstruiert, dass es fast schon weh tut.

Love is in the Air… and no one expects the Spanish Inquisition!

Auf seiner Reise nach Regensburg begegnet Niklas Joachim und dessen Tochter Maria. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen: Da bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Und natürlich sind die beiden wenige Seiten später verheiratet, kurze Zeit später erreicht Niklas ein Brief aus St. Gallen mitsamt einem Geständnis des wahren Mörders. Beides wird ihn später entlasten, als Bernard wieder auftaucht und versucht, ihm in Regensburg das Leben schwer zu machen, als Niklas gerade dabei ist, dem Stadtrat seine Fähigkeiten als Brauer darzulegen und darum zu bitten, in Regensburg arbeiten zu dürfen (er ist zu diesem Zeitpunkt noch ein Unfreier). Was macht der Stadtrat? Bittet erstmal Bernard hinzu, der mehr oder weniger plötzlich auftaucht – an der Stelle musste ich unwillkürlich an Monty Python denken und hab echt darauf gewartet, dass jemand “No one expects the Spanish Inquisition!” schreit, so absurd war diese Szene. Bernards ohnehin schon wenig sympathischer Charakter wird weiter verzerrt, indem Thömmes ihm jetzt noch Uneinsichtigkeit verleiht – Reginald, der Mörder von St. Gallen, kann gar nicht allein gehandelt haben, Niklas MUSS in irgendeiner Form Schuld sein, er wird ihn weiter verfolgen. Gähn.

Der Roman plätschert in der Folge so dahin; Niklas baut sich samt Frau und Kind erst in Bitburg, dann in Köln ein Leben auf, immer wieder von furchtbaren Schicksalsschlägen heimgesucht – so muss er für zwei Wochen in den Schuldturm, weil er vergessen hat, seine Steuern zu bezahlen. Und zu allem Überfluss fackelt Sohnemann fast das ganze Haus ab. Drama, Baby, Drama – das einen seltsam kalt lässt, einfach, weil die Charaktere überhaupt nicht fassbar sind. Niklas’ Familie spielt keine tragende Rolle und bleibt ebenfalls so blass, wie es nur geht; ihr Schicksal – die Tochter erkrankt an Pocken und ist deshalb nicht mehr heiratsfähig, Mutter und Sohn werden aussätzig – lässt einen komplett kalt, weil das Ganze wieder was von Konstruktion hat. Ein Schicksalsschlag muss her? Na gut, verpassen wir zwei Familienmitgliedern eben die Lepra. Und damit die Androhung, Bernard werde Niklas’ Leben zerstören, zumindest ansatzweise umgesetzt wird, bauen wir das Kölner Pogrom ein und lassen Bernard zum Rädelsführer werden, wenn es darum geht, auf die jüdischen Brauer in Niklas’ Brauerei loszugehen und alles in Schutt und Asche zu legen. Gähn. Bernard bleibt übrigens während Niklas’ Zeit in Köln meist im Hintergrund. Er lebt zwar ebenfalls in Köln und verbündet sich mit einem Konkurrenten seines ehemals besten Freundes, aber die auf der Rückseite des Buches angepriesene Jagd auf Leben und Tod – die findet schlicht und ergreifend nicht statt.

Schaut mal, was ich alles recherchiert habe!

Der Roman hat bei aller Kritik auch seine positiven Seiten. So hat Thömmes, selbst Bierbrauer und Mälzer, gründlich recherchiert, sowohl was das Bierbrauen im Mittelalter als auch den historischen Kontext angeht. Man erfährt sehr viel Wissenswertes darüber, wie sich das Bierbrauen im Lauf der Zeit gewandelt und entwickelt hat, und das ist durchaus spannend. Und man bekommt Durst 🙂 Am Ende breitet Thömmes auf ca. 30 Seiten noch mal alles aus, was er so recherchiert hat, und ich hatte den starken Eindruck, dass er wirklich alles unterbringen wollte, wurscht, ob’s zur Geschichte passt oder nicht – historische Ereignisse werden im Kontext des Romans auf zwei Seiten abgehandelt, teilweise auch unnötig ausgewalzt und tragen nur selten zur eigentlichen Handlung bei. Die letzten Seiten habe ich nur noch überflogen; wenn ich Details zur Geschichte Kölns im ausgehenden 13. bzw. beginnenden 14. Jahrhundert erfahren will, lese ich ein entsprechendes Buch. Irritiert hat mich, dass Thömmes teilweise zeitgenössische Abbildungen etwa der sog. Bäckerstaufe eingefügt hat – sowas erwartet man bei einem Sachbuch, aber nicht in einem Roman. Gut und gründlich recherchiert hat er, das muss man ihm lassen. Stilistisch und vor allem von der Geschichte her bleibt das Buch allerdings sehr weit hinter den Erwartungen zurück.

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