Chuck Palahniuk – Doomed (2013)

Die 13-jährige Madison Spencer hat ein Problem: Sie ist tot und obendrein in der Hölle gelandet. Weil sie an Halloween die magische Uhrzeit – um Mitternacht müssen alle Toten wieder in der Hölle oder im Himmel sein – übersehen hat, ist sie jetzt außerdem dazu verdonnert, ein Jahr lang, also bis zum nächsten Halloween, als Geist auf der Erde zu wandeln. Und weil das noch immer nicht ausreicht, muss sie sich auch noch mit der drohenden Apokalypse beschäftigen.

Was Chuck Palahniuk mit Damned begonnen hat, setzt er mit Doomed fort, nur dass Madison dieses Mal nicht immer Satan anspricht, sondern bloggt. Jeder Eintrag beginnt mit “Gentle Tweeter”, teilweise bezieht sie sich auf Kommentare anderer Blogger und beantwortet diese, ohne dass man diese Kommentare zu Gesicht bekäme. Madison ist nach wie vor rotzfrech, schnoddrig und auch zynisch, mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet und respektlos. Trotzdem merkt man rasch, dass sie ihre Eltern trotz deren offensichtlicher Schwächen wirklich liebt und auch vermisst, was ein durchgehendes Thema des Buches wird.

Zentral ist auch Madisons Vergangenheit, genauer gesagt, eine Periode vor einigen Jahren, als sie grade mal elf Jahre alt war und den Sommer bei ihren Großeltern verbracht hat. Das alleine wäre ja noch relativ unspektakulär, aber Palahniuk wäre nicht Palahniuk, würde er nicht eine Episode einstreuen, die eine Elfjährige nachhaltig traumatisieren müsste und die auch viel von Madisons späterem Verhalten erklärt bzw. die für das vorläufige Ende des Romans noch wichtig sein wird. Ich will hier nicht spoilern, nur so viel: Diese Episode inkludiert eine öffentliche Toilette, ein “glory hole” (wer nicht weiß, was das ist – Google sei euer Freund), ein Buch von Charles Darwin, Madisons Großvater und sehr viel Blut. Und wieder fragt man sich als Leser, ob man sich ekeln oder das auf absurd-groteske Weise doch noch irgendwie komisch finden soll. Aber gut. Das ist Palahniuk.

Die relativ lange Rückblende ist auch insofern notwendig, als wir erfahren: Madison war von Anfang an für etwas Besonderes auserwählt, lange vor ihrer Geburt, lange vor der Geburt ihrer Mutter. Satan, findet Madison heraus, schreibt ihre Geschichte oder bildet sich zumindest ein, das zu tun – er macht sich etwa einen Spaß daraus, sie anzurufen und ihr vorzulesen, was sie gerade tut, um zu beweisen: Hey, du bist nur eine Marionette in meinem Spiel. Klar, dass Madison sich das nicht bieten lässt. Aber erst mal gibt es wichtigere Dinge zu erledigen, namentlich, ihre Eltern aufzusuchen. Die haben nämlich nichts Besseres zu tun gehabt, als nach Madisons versehentlichem Anruf aus der Hölle (vgl. Damned) eine neue Religion zu gründen – Boorism. Palahniuk macht sich in diesem Zusammenhang ungeniert über Religionen lustig und zeigt wunderbar auf, wie wenig es im Grunde braucht, um Menschen an etwas glauben zu lassen, sie von etwas zu überzeugen und wie absurd religiöse Rituale sind. Bei ihm haben die Rituale und Gebete der Boorites natürlich fäkal-obszönen Charakter, d.h. es wird geflucht, was das Zeug hält, jeder benimmt sich gründlich daneben und schleudert anderen Menschen unflätige Beschimpfungen ins Gesicht – und das alles mit einem strahlenden Lächeln, denn alle Menschen sind davon überzeugt, dass dieses Verhalten sie in den Himmel bringen wird.

Um der Absurdität noch eines draufzusetzen, lassen Madisons Eltern aus schneeiweißem Plastik eine künstliche Insel schaffen, die aus dem Weltraum betrachtet dem Profil der verstorbenen Tochter gleicht und “Madlantis” genannt wird, was übrigens in zweifacher Hinsicht ein sehr schönes Wortspiel ist. Auf Madlantis kommt es auch zum Showdown, aber ehe es so weit ist, gibt es Begegnungen mit verstorbenen Großeltern, einem drogensüchtigen Geisterjäger und einer Barbie-Madison, die den Weltuntergang herbeiführen soll. Kurz: Es geht drunter und drüber, und ein richtiges Ende gibt es auch dieses Mal nicht – Palahniuk lässt eine Hintertür für eine weitere Fortsetzung offen, und tatsächlich kursieren im Internet Gerüchte, wonach die Geschichte um Madison eine Trilogie werden soll. Zwar ist auch Doomed nicht unbedingt Palahniuks bestes Buch; es hebt sich aber vom Vorgänger schon mal insofern wohltuend ab, als es nicht ganz so eklig und grauslich daherkommt. Der Humor ist subtiler, Madison wirkt trotz ihrer Rotznasigkeit reifer als noch in Damned. Spaß gemacht haben mir vor allem die vielen respektlosen Anspielungen sowohl auf Religionen als auch auf das Leben der Reichen und Schönen sowie den übertriebenen Gesundheitswahn, den viele Prominente pflegen und diverse Lifestyle-Erscheinungen. Das hat Palahniuk einfach gut drauf, das wird auch nicht langweilig.

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