Chuck Palahniuk – Beautiful You (2014)

Müsste ich Chuck Palahniuks aktuellsten Roman mit nur einem Wort beschreiben, wäre dieses Wort “schräg”. Ok, Palahniuk ist immer schräg, aber in Beautiful You übertrifft er sich selbst – und ich bin mir noch immer nicht sicher, ob das so gut ist, obwohl ich das Buch mochte. Aber es hat schon einen Grund, warum ich gut eine Woche gewartet habe, ehe ich  mich zu diesem Blogeintrag durchgerungen habe. Der Inhalt hat mir sehr zu denken gegeben, so absurd die Handlung stellenweise auch war, und wie ich das Ganze in Worte fassen sollte, wusste ich vor einer Woche auch noch nicht recht.

Beginnen wir am besten mit dem Klappentext, der mit ein Grund war, warum ich das Buch überhaupt gekauft hab (ok – nachdem ich bekennender Palahniuk-Fan bin, wäre das Buch sowieso früher oder später in meinem Regal gelandet): Penny Harrigan is a low-level associate in a big Manhattan law firm. She has an apartment, but no love life. When C. Linus Maxwell, a mega-billonaire and international playboy, invites her to dinner and then whisks her off to a hotel in Paris, where he brings her to undreamed-of heights of sexual gratification for days on end, Penny is, well, pleased. However, when Penny discovers she is a test subject for a line of female sex toys so effective that women by the millions are lining up outside the stores to buy them on opening day, she understands the gravitiy of the situation. A billion husbands are about to be replaced. What is Maxwell really up to? Erotically enabled world domination? Penny sets out to discover his motivations, and with a little help, stop him before it is too late.

Der Klappentext fasst die Handlung im Groben und Ganzen gut zusammen, bereitet einen aber nicht mal ansatzweise darauf vor, wie unerotisch das Buch ist oder dass es mit einer Art Vergewaltigung beginnt. Ich schreibe “mit einer Art Vergewaltigung”, weil die Szene höchst bizarr ist und Penny die Worte “Not here!” äußert, was mich stutzig gemacht hat. Sie wird in einem Gerichtssaal vor den Augen Dutzender Männer vergewaltigt – und Palahniuk spricht anfangs explizit von Vergewaltigung -, bittet aber darum, dass es nicht hier passiert? Was mich auch stutzig gemacht hat: Wo bitteschön ist der Täter? Warum greift da keiner ein, sondern schaut nur hilflos zu? Dass die anwesenden Männer keine moralisch verkommenen Schweine sind, lässt Palahniuk nämlich auch durchblicken  – er beschreibt, dass sie sich unwohl fühlen, dass ihnen die Szene fürchterlich unangenehm ist. Das hat mich zu der Vemutung geführt, dass eines von den im Klappentext erwähnten Sex Toys irgendetwas mit der ganzen Sache zu tun haben muss und Penny nicht von einem Mann attackiert wird, sondern das Ganze irgendwie… anders abläuft. Diese Vermutung hat sich gegen Ende hin bestätigt, als Palahniuk wieder den Bogen zur Gerichtsszene vom Anfang schlägt und näher ausführt, was da eigentlich vor sich geht.

Die Gerichtsszene, die mich anfangs schlucken hat lassen und die ich gleichermaßen verstörend wie seltsam fand, wird unterbrochen, um zum Anfang der eigentlichen Geschichte zurückzukehren. Wir lernen Penny kennen, die aus Nebraska stammt und die in New York das große Glück sucht. Sie ist schon zweimal durch die Anwaltsprüfung gerasselt und hadert mit ihrem Dasein – der Feminismus, so ihre Überlegung, hat Frauen zwar vieles ermöglicht, aber alles, was irgendwie als feministische Errungenschaft gelten könnte, wurde bereits von anderen Frauen erreicht. Anwältin zu sein ist normal, und deswegen hat Penny auch Probleme, die Prüfung zu schaffen. Denn eigentlich will sie keine Anwältin sein. Sie will etwas für Frauen erreichen, das niemand vor ihr geschafft hat, weiß aber nicht so recht, was das sein könnte. Diese Überlegungen fand ich sehr interessant, denn Feministinnen predigen nach wie vor gerne, dass Frauen unterdrückt werden, im Job nicht weiterkommen, an der Karriere gehindert werden, nicht wertgeschätzt werden etc. Dabei übersehen sie, dass das Leben für Frauen speziell in der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten um vieles einfacher geworden ist und frühere Generationen von Feministinnen es überhaupt erst ermöglicht haben, dass Frauen heute jeden Beruf ergreifen können oder dass sie wählen dürfen. Sicher, es gibt in Teilbereichen noch genug zu tun, das steht außer Frage, aber wenn wir zu Penny und ihrer Ausgangsposition zurückkehren, dann sehen wir, dass Frauen heute de facto viel mehr Möglichkeiten haben als etwa unsere Großmütter oder unsere Urgroßmütter. Das ist für Penny zwar schön und gut, reicht ihr aber nicht, weil sie ihren Beitrag zum Feminismus leisten möchte. Ohne zu spoilern, kann ich an dieser Stelle verraten, dass sie das schafft.

Die Begegnung mit C. Linus Maxwell, den sie nur aus den Medien kennt und der Beziehungen mit allen möglichen berühmten Frauen hatte (die erst durch ihn richtig berühmt wurden), verändert Pennys Leben. Nicht, weil sie ihn abgöttisch liebt – das tut sie zu keinem Zeitpunkt. Aber sie genießt die Aufmerksamkeit, sie genießt es, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen und wird mit der Zeit ein echter Profi, was Paparazzi und Medien angeht. Palahniuk kann sich in diesem Zusammenhang diverse sarkastische Seitenhiebe auf die Promiwelt nicht verkneifen und wirft einen sehr kritischen Blick auf die mediale Öffentlichkeit, die jede Bewegung eines Prominenten seziert und kritisiert. Gleichzeitig macht er sich dezent, aber doch, über Menschen lustig, die jemanden schlagartig anders behandeln, nur weil die Person mit einem Prominenten gesehen wurde. Dargestellt wird das am Beispiel einer Verkäuferin, bei der Penny für ihr erstes Dinner mit Maxwell ein sündteures Abendkleid erstanden hat, das sie am nächsten Tag zurückbringen möchte – einfach, weil es ihr Budget sprengt. Die Verkäuferin, die Penny tags zuvor noch von oben herab behandelt hatte, kriecht regelrecht vor ihr und befindet, die Designer müssten Penny teure Kleider zukommen lassen, schließlich sei das Werbung, wenn Penny an der Seite Maxwells in einem Designerkleid ausgehe. Das war ein schöner Seitenhieb auf Menschen, die andere Menschen nur deswegen anders behandeln, weil sie ihrer Meinung nach jetzt im sozialen Ranking besser dastehen als zuvor.

Bis zur ersten sexuellen Begegnung von Penny und Maxwell dauert es eine Weile, dafür zahlt es sich zumindest für Penny aus. Maxwell selbst scheint nur wissenschaftliches Interesse an Sex zu haben; er macht sich Notizen und erklärt Penny, welche Nerven und Muskeln er gerade warum und wie stimuliert bzw. was dabei passiert. Unerotischer geht es eigentlich nicht mehr, und als Penny bemerkt, dass Maxwell Sex Toys an ihr ausprobiert, die er demnächst auf den Markt bringen will, macht sie bereitwillig mit. Die im Klappentext angesprochene Realisierung, dass Maxwell es nicht darauf abgesehen hat, den Frauen etwas Gutes zu tun – die folgt erst sehr viel später. Da ist die “Beziehung” zwischen den beiden schon vorüber; Penny wird mit mehreren Millionen Dollar quasi entschädigt, unter der Bedingung, dass sie Maxwell nie kontaktiert und auch niemandem etwas von seinen lustigen Tests erzählt.  Sie ist auch irgendwie erleichtert, als es vorbei ist; Palahniuk beschreibt immer wieder, dass die dauernden Tests und die damit verbundenen Orgasmen für Penny extrem anstrengend sind. Sie nimmt unfreiwillig ab, sie ist total verspannt und muss massiert werden, und sie braucht Salben, weil sie wundgescheuert ist.

Das Ganze kippt, als die Sex Toys unter dem Namen “Beautiful You” in die Läden kommen. Palahniuk hat sich hier den Spaß erlaubt und ein “Was wäre, wenn”-Szenario entworfen, in dem Fall: Was wäre, wenn es Sex Toys gäbe, die so effektiv sind, dass die Frauen regelrecht süchtig danach werden? Im Roman beginnt die Gesellschaft langsam, aber sicher zu bröckeln; erfolgreiche berufstätige Frauen vernachlässigen ihren Beruf und geben ihn schließlich ganz auf, sie kaufen ein Produkt nach dem anderen und nehmen sich selbst aus dem gesellschaftlichen Leben aus, wie Penny rasch bemerkt. Sie kommt außerdem dahinter, warum ein spezielles Spielzeug bei jeder Anwenderin nach einmaligem Gebrauch kaputt geht, und ab hier wird es richtig absurd. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, lässt Palahniuk Maxwells Firma nicht nur die Sex Toys, sondern auch Schuhe, Mode, Handtaschen etc. verkaufen – und auch diese Produkte machen die Frauen süchtig, sodass sie alle einheitlich gekleidet sind, dieselben Schuhe tragen und “romantische” Vampir-Romane lesen (noch so ein netter Seitenhieb). Palahniuk treibt hier seine “Was wäre, wenn”-Geschichte auf die Spitze, und wenn man glaubt, dass es jetzt eigentlich nicht mehr skurriler werden kann, lässt er eine 100 Jahre alte Sex-Hexe auftreten, die Penny bei ihrem Kampf gegen Maxwell zur Seite steht. Maxwells tatsächliches Motiv und warum er ausgerechnet Penny ausgewählt hat waren dann der endgültige Gipfel des Absurden, aber zu dem Zeitpunkt hat man sich schon fast daran gewöhnt, dass Palahniuk dieses Mal alle Register zieht.

Ich muss zugeben: Stellenweise, speziell gegen Ende hin, war mir der Roman schon zu abgedreht. Die Auflösung ist gut gelungen, der Twist, den Palahniuk eingebaut hat, war überzeugend. In Summe ist Beautiful You ein unterhaltsames Buch, das aber auch stellenweise nachdenklich macht und vor Gesellschaftskritik nur so strotzt, wenn man genau hinsieht. Für Fans sicher geeignet, als Einstieg in Palahniuks Werk aber vielleicht nicht unbedingt das Richtige.

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