Philip K. Dick – The Man in the High Castle (1962)

Geschichten, deren Dreh- und Angelpunkt die Frage “Was wäre, wenn…?” ist, fand ich schon immer faszinierend, vorausgesetzt, sie sind in dem verankert, was wir die “reale Welt” nennen und stellen diese reale Welt völlig auf den Kopf. Für Philip K. Dicks Dystopie The Man in the High Castle war ich zwar sofort Feuer und Flamme, habe aber dann doch zwei Anläufe – und mehrere Unterbrechungen – gebraucht, um das Buch auch zu beenden. Das lag weniger an der Geschichte sondern daran, dass Dicks Schreibstil stellenweise sehr gewöhnungsbedürftig ist – zwar zu den jeweiligen Charakteren passend, anfangs aber gewöhnungsbedürftig. Einige Elemente wie die fast schon exzessive Verwendung des I Ging haben mich zugegebenermaßen zunächst auch verwirrt, dazu wollte die Story nicht so recht zünden bzw. schienen Klappentext und Roman sowie Buchtitel und Roman nicht wirklich zusammenzupassen. Kurz: Nach mehreren Wochen hatte ich im Vorjahr grade mal 100 Seiten geschafft und damals beschlossen, erst mal was anderes zu lesen – kommt Zeit, kommt Buch. Im zweiten Anlauf konnte ich das Buch dann in einem Rutsch lesen, auch wenn ich, da es doch einiges an Konzentration erfordert, wieder mehrere Wochen gebraucht habe.

Worum geht es? Die USA haben den Zweiten Weltkrieg verloren; Roosevelt wurde ermordet, an der Ostküste hat sich das Deutsche Reich ausgebreitet, an der Westküste herrscht Japan, in der Mitte gibt es eine Art neutrale Zone, Afrika wurde fast vollständig ausradiert, und das Mittelmeer wurde trocken gelegt. Mittels spezieller Raketen kann man in nicht mal einer Stunde von Deutschland nach San Francisco reisen, Japaner stehen total auf authentische US-Reliquien wie z.B. Colts aus dem Bürgerkrieg, und dann geistert da noch ein Buch herum, das so ziemlich jeden fasziniert, das von den Deutschen aber verboten wurde und das postuliert, dass die Deutschen den Krieg verloren haben. Weil das noch nicht reicht, versucht das Deutsche Reich außerdem, den Mars zu bevölkern; Hitler vegetiert von Syphilis zerfressen irgendwo dahin, während Bormann die Funktion des Reichskanzlers übernommen hat. Die Geschichte wird dabei aus dem Blickwinkel verschiedener Figuren erzählt, wobei Dick den Figuren klar den Vorzug vor einer in sich geschlossenen Geschichte gegeben hat. Da hätten wir Robert Childan, Antiquitätenhändler und in seinem Denken bzw. Tun den Japanern ähnlicher als den Amerikanern; Mr. Tagomi, der mit Childan Geschäfte macht, um mit gut ausgesuchten US-Memorabilia einen wichtigen Kunden zu beeindrucken; Mr. Baynes, ein vorgeblich schwedischer Händler; Frank Frink, jüdischer Kriegsveteran; seine Exfrau Juliana Frink, die mittlerweile in der neutralen Zone lebt. Jede Figur hat ihre eigene Agenda. Während Frank Frink sich an seinem früheren Arbeitgeber rächt, indem er Childan verklickert, dass die vorgeblichen Bürgerkriegs-Waffen gut gemachte Fälschungen sind, will sich Baynes über Tagomi mit einem japanischen General in Verbindung setzen, um die Deutschen zu schwächen. Juliana Frink wiederum lässt sich auf eine Affäre mit dem Italiener Joe Cinnadella ein und entdeckt über diesen den Roman “The Grasshopper lies heavy” von Hawthorne Abendsen. Dieser lebt angeblich in einer regelrechten Festung; als Juliana erfährt, dass Abendsen eliminiert werden soll, macht sie sich auf, um ihn zu warnen.

Die einzelnen Handlungsstränge werden kaum miteinander verwoben; der titelgebende “Man in the High Castle” ist überraschend absent, und auch zur Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg erhält der Leser nur die notwendigsten Informationen. Was fast alle Figuren gemeinsam haben: Ehe sie eine Aktion setzen oder eine Entscheidung treffen, konsultieren sie das I Ging, was zunächst seltsam anmutet, am Ende aber durchaus Sinn ergibt. Wobei – von einem Ende in dem Sinn, dass die Handlung abgeschlossen wäre und alle Fragen beantwortet sind, kann man nicht sprechen, im Gegenteil, bei mir hat das Ende mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Dass Dick die geplante Fortsetzung nie beendet hat, ist wirklich schade; gleichzeitig erlaubt das offene Ende so manche Gedankenspielerei und sicher auch die eine oder andere Diskussion speziell zur Frage “Was ist eigentlich real?” Empfehlenswert für Leute, die Dystopien mit philosophischem Unterton mögen.

 

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