Dennis Lehane – Shutter Island (2003)

Kürzlich durfte ich feststellen: Es ist keine gute Idee, die Romanvorlage zu einem Film erst nach dem Film zu lesen. Shutter Island ist das beste Beispiel dafür. Während der Film mit Atmosphäre und einem großartigen Leonardo DiCaprio glänzt, kommt die Buchvorlage leider nicht ganz an die filmische Umsetzung heran, und auch das Ende hat mir im direkten Vergleich zum Film weniger gut gefallen. Nun habe ich mir zwar vorgenommen, Literaturverfilmungen nie, nie wieder mit ihren Vorlagen zu vergleichen; in diesem Fall ging’s aber nicht anders, und das lag schlicht und ergreifend daran, dass – abgesehen von einer stimmigeren Atmosphäre und einem besseren Ende – der Film praktisch nicht vom Buch abweicht und der Roman somit keine Überraschungen mit sich bringt. Man erfährt leider auch nicht mehr über das Innenleben des Protagonisten.

Für jene, die es nicht kennen: In Shutter Island geht es um den US-Marshal Teddy Daniels, der gemeinsam mit seinem Partner Chuck Aule herausfinden soll, wie eine gefährliche und geisteskranke Patientin des Asheville Sanatoriums auf Shutter Island aus ihrer versperrten Zelle entfliehen konnte. Die Frau, so erfahren die beiden Marshals bei ihrer Ankunft, ist nicht auffindbar; sie wurde in das Sanatorium eingeliefert, weil sie ihre drei Kinder getötet hat und als hochgradig gefährlich gilt, wie überhaupt alle Insassen von Asheville extrem gefährlich sind. Durchbrochen wird die Suche nach Rachel Solando von Rückblenden, in denen sich Teddy an seine Frau Dolores erinnert sowie an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs und die Konzentrationslager – Szenen, die im Hinblick auf das Ende sehr wichtig sind. Auch Teddys Verdacht, dass sich ein gewisser Andrew Laeddis, den er für den Tod seiner Frau verantwortlich macht, auf Shutter Island befindet, ist ein entscheidendes Story-Element. Für Leser, die den Film kennen, ist die Auflösung leider nicht sonderlich überraschend, und auch der Weg dorthin ist leider nicht so spannend, wie er sein könnte. Normalerweise stört es mich nicht, das Ende eines Romans vorab zu kennen, sofern der Roman selbst gut geschrieben ist. Das ist hier nur bedingt der Fall. Lehane bemüht sich um einen mitunter sehr blumigen Stil, die Dialoge sind allerdings sehr einfach gehalten, und es gelingt Lehane einfach nicht, eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen. Dazu gesellen sich zahlreiche Tipp-, Rechtschreib- und Grammatikfehler, die allerdings nicht Lehane, sondern dem Verlag anzulasten sind. Von Diogenes hätte ich mir mehr erwartet. Auf fast jeder Seite mindestens einen Fehler zu finden hat das Lesevergnügen dann doch arg getrübt.

Das Ende lässt viele Fragen offen bzw. Raum für Interpretationen und eigene Spekulationen. Wo der Film relativ eindeutig ist, bleibt der Roman bewusst vage; teilweise – und das gilt für den gesamten Roman – ist auch ziemlich klar, wohin die Reise geht, selbst ohne Vorkenntnis des Films. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Advertisements
This entry was posted in Thriller and tagged , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s