H. P. Lovecraft – Horror out of Arkham (2011)

Wenn man Horrorliteratur mag, kommt man früher oder später an H.P. Lovecraft nicht vorbei. Der Mann hat fürs Genre Bahnbrechendes geleistet, wobei das mehr den Inhalten seiner Werke geschuldet ist als seinem mitunter sehr mühsamen, archaischen Stil. Ich habe zwar fast das Gesamtwerk Lovecrafts im Regal stehen; Horror out of Arkham, der erste Band der Lovecraft Library, ist allerdings mein erster Lovecraft auf Englisch. Was sich in der deutschen Übersetzung noch relativ locker-lässig liest, wird im Original bisweilen sehr anstrengend, was sich wiederum auf die Lesezeit auswirkt – einen übersetzten Lovecraft schaffe ich in der Regel in einer Woche. Für Horror out of Arkham habe ich mehr als einen Monat gebraucht, wobei ich zugeben muss, dass ich das Buch auch immer wieder mal weggelegt habe, weil ich einfach keine Lust mehr auf Lovecrafts archaische Sprache hatte. Ebenfalls mühsam: Lovecrafts unverhohlener Rassismus, der an manchen Stellen durchbricht, sowie seine offenkundige Abneigung gegen schlechter gebildete Menschen.

Der Band, der im Übrigen sehr schön gestaltet ist – Hardcover, die Seiten wurden mit einem leichten Gelbstich auf “alt” getrimmt, dazu gibt’s sehr bizarre, aber gleichzeitig wunderschöne Illustrationen -, umfasst insgesamt sechs Erzählungen, die alle in und um die fiktive Stadt Arkham spielen und die zwischen 1922 und 1937 entstanden sind bzw. veröffentlicht wurden:

  • Herbert West: Reanimator – eine Erzählung um einen Wissenschaftler, der mit allen Mitteln versucht, Tote wiederzubeleben. Mary Shelley lässt grüßen. Die Erzählung wurde ursprünglich in sechs Teilen in einer Zeitschrift publiziert, was auch erklärt, warum zu Beginn jedes Abschnitts kurz rekapituliert wird, was Herbert West vorhat und was bisher geschehen ist. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive eines Studienkollegen von Herbert West, der ihm bei seinen grausigen Experimenten assistiert hat. Wer Lovecraft kennt, kann sich denken, wie das Ganze ausgeht, und obwohl Lovecraft immer wieder Andeutungen macht – in manchen Erzählungen geht er so weit, das Ende bereits am Anfang zu verraten -, bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten. Man will einfach erfahren, wie sich die Geschichte zugetragen hat. Die Erzählung rund um Herbert West ist insofern bedeutsam für Lovecrafts Werk, als hier erstmals die Miskatonic University auftaucht; außerdem verhalten sich die von West Wiederbelebten wie Zombies – unkontrolliert, blutrünstig und animalisch.
  • The Unnamable – eine sehr kurze Geschichte, in der zwei Freunde darüber debattieren, ob es so etwas wie das Unbenennbare gibt. Während der eine das kategorisch abstreitet, ist der andere fest davon überzeugt, dass in der Welt Dinge existieren, für die es keinen Namen gibt. Die gesamte Handlung findet auf einem Friedhof statt, in der Nähe befindet sich ein Haus, in dem etwas Unbenennbares umgehen soll. Dieses Ding attackiert die beiden Freunde, und obwohl sich der Skeptiker am Ende bemüht, das Ding zu beschreiben, muss er schließlich zugeben, dass man ihm keinen Namen geben kann.
  • The Colour out of Space ist vermutlich eine der besten Horrorgeschichten, die jemals geschrieben wurden. Es soll Menschen geben, die nach der Lektüre kein Wasser mehr trinken wollen… Ein namenloser Erzähler berichtet über länger zurückliegende Ereignisse in den Hügeln westlich von Arkham. Hier schlug vor Jahren ein Meteor ein, der in der Folge die Gegend rund um die Einschlagsstelle regelrecht vergiftet hat. Pflanzen wachsen zunächst zu abnormaler Größe heran und verströmen nachts ein schwaches Licht, sie sind ungenießbar, das Vieh wird wahnsinnig und deformiert, und die Menschen verfallen entweder ebenfalls dem Wahnsinn oder sterben. Lovecraft lässt sich Zeit beim Erzählen, baut die Spannung und das Grauen langsam, dafür aber effektiv auf, und er vermischt Science Fiction und Horror zu einem sehr homogenen Ganzen, das hervorragend funktioniert. Dadurch, dass der Horror nicht greifbar wird und es keine sichtbare Bedrohung gibt, die man bekämpfen oder beseitigen könnte, sind die Protagonisten dem Horror hilflos ausgeliefert und haben keine andere Wahl, als die Sache bis zum bitteren Ende durchzustehen.
  • The Dunwich Horror gehört ebenfalls zu den bekannteren Werken Lovecrafts sowie zu den wichtigsten Erzählungen rund um den Cthulhu-Mythos. Wieder ist es ein Außenstehender, der die Geschichte erzählt; dieses Mal bekommen wir es mit einer seltsamen Familie zu tun, den Whateleys, die den übrigen Bewohnern Dunwichs unheimlich sind – nicht zuletzt, weil Lavinia, die Tochter des alten Whateley, ein Kind zur Welt bringt, dessen Vater unbekannt ist und das mit abnormer Geschwindigkeit heranwächst. Dazu kommen seltsame Geräusche aus dem Whateley-Haus, ebenso seltsame Rituale, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird und, etwas später, Nachforschungen seitens Lavinias Sohn Wilbur – er will mit Hilfe des Necronomicon eine Beschwörung durchführen, wird aber daran gehindert. So zentral Wilbur für die Geschichte ist, so schnell wird er eliminiert, sobald er seinen Zweck erfüllt hat – schließlich muss das namenlose Etwas, das im Whateley-Haus haust, ausbrechen und die Gegend terrorisieren können. Nur ein Bibliothekar und zwei Wissenschaftler schaffen es schließlich, dem Ding Einhalt zu gebieten – eine der wenigen Lovecraft-Geschichten, die tatsächlich halbwegs positiv ausgehen und in denen es die Menschen schaffen, das Grauen zu besiegen. Gar nicht so einfach, immerhin bekommen sie es mit einem Abkömmling von Yog-Sothoth zu tun, und der ist niemand Geringerer als Cthulhus Großvater. Außerdem steht er in Verbindung zu den Großen Alten; er kann auch das Tor zwischen den Welten öffnen, wenn die richtige Beschwörung gesprochen wird – was Wilbur ja auch erfolglos versucht.
  • The Dreams in the Witch House gehört ebenfalls zum Cthulhu-Mythos. Im Mittelpunkt steht der Student Walter Gilman, der sich in Arkhams “Hexenhaus” einmietet, das angeblich verflucht ist. Hier lebte vor Jahrhunderten die Hexe Keziah Manson, die 1692 aus dem Gefängnis von Salem entkommen konnte und verschwand. Gilman findet schnell heraus, das andere Mieter, die das Zimmer vor ihm bewohnt haben, frühzeitig verstorben sind, was ihn aber nicht weiter abschreckt, im Gegenteil. Er findet die seltsamen Winkel im Zimmer faszinierend und macht sich mit mathematischem Genie daran, Berechnungen anzustellen, mit deren Hilfe er zwischen den Dimensionen reisen möchte. Gleichzeitig beginnt er zu träumen – von Keziah Manson und ihrem rattenartigen pelzigen Gefährten Brown Jenkin, von seltsamen Dimensionen, von noch seltsameren Städten. Er begegnet Nyarlathotep und hört erstmals von Azathoth, und er wird gezwungen, ein Kind zu entführen, das in der Walpurgisnacht geopfert werden soll. Zwar kann Gilman Keziah töten, allerdings hat er die Rechnung ohne Brown Jenkin gemacht, der das Ritual vollendet und später Gilman tötet. Die Geschichte wurde zu Lovecrafts Zeit sehr negativ aufgenommen – sie sei zu vage, meinten die einen, zu explizit die anderen. Es stimmt zwar, dass manche Details fehlen und man sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Genauigkeit seitens Lovecrafts gewünscht hätte. Allerdings sind gerade die mutmaßlichen Träume Gilmans einerseits spannend zu lesen und andererseits wichtig für den gesamten Cthulhu-Mythos.
  • The Thing on the Doorstep dreht sich in erster Linie um eine ganz spezielle Form der Besessenheit. Man könnte auch sagen: Zwei Seelen tauschen den Körper – die eine freiwillig, die andere unter Zwang. Die Erzählung beginnt mit dem Geständnis des Ich-Erzählers, dass er seinen besten Freund erschossen hat, gefolgt von der Bemerkung, dass dieses Ding auf seiner Schwelle nicht mehr sein bester Freund war. Die Geschichte ist relativ vorhersehbar ab dem Zeitpunkt, an dem Asenath Waite eingeführt wird, und dennoch fand ich sie spannend zu lesen. Lovecraft stellt Verbindungen zu anderen Werken her – wir begegnen erneut dem Necronomicon, Azathoth und Innsmouth, sodass auch diese Geschichte Teil des Cthulhu-Mythos wird.
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